bleiben

TASCHLER, W. Judith (2018): bleiben. 2018.

Abstract

TASCHLER, Judith W.: „bleiben“, München 2017
Die einzelnen Kapitel des Buches tragen einen Vornamen und ein Datum. Zu Beginn ist es schwer zuzuordnen, wer wer ist. Ich traf einen Freund, der mir erzählte den ersten Teil des Buches nochmals gelesen zu haben, um zu verstehen, welche Personen hier abgehandelt wurden.
Eine Empfehlung an den Verlag wäre es, vorne oder hinten im Buch eine Liste der Proponenten und ihr Verhältnis zueinander aufzustellen.
Taschler erzählt die Geschichte aus verschiedenen Blickwinkeln mit Hilfe verschiedener handelnder Personen:
• Paul: Aus einer angesehenen und konservativen Rechtsanwaltsfamilie. Sein Berufsleben war vorgezeichnet – auch wenn er kurz rebellierte und eine „nicht standesgemäße“ Frau heiratete, von der er sich aber später scheiden ließ. In seiner Krise mit dem Vater und der geschiedenen Frau fuhr er spontan mit dem Zug nach Rom. Dort ist auch der Ausgangspunkt dieses Romans. Alle vier Personen sitzen im selben Abteil. Paul heiratet später Juliane, übernimmt die Kanzlei seines Vaters und sie leben als konservative Familie. So wie seine Eltern und so wie er es als junger Mann nicht wollte.
• Felix: Kommt aus Südtirol. Über ihn erfährt der Erzähler die jüngste Geschichte Südtirols. Wie es nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg an Italien gegeben wurde, obwohl die Bevölkerung ausschließlich deutsch (österreichisch) war. Unter dem Hitlerregime wurden viele ins „Reich“ ausgesiedelt. So auch sein Großvater. Er arbeitete im Stahlwerk in Linz. Das Mädchen – die Mutter von Felix – war unglücklich und überredete den Vater zur Heimkehr nach Südtirol. Dort bauten sie den Bauernhof wieder auf. Vor allem ihre Initiative war es, dass es ein blühender Betrieb mit Gaststube, Gästezimmern und Landwirtschaft wurde. Sie heiratete den Sohn des Gastwirts, der ihr half, aber an den Unabhängigkeitsbewegungen Südtirols teilnahm. Als solches war er beim Schmuggeln von Sprengstoff und sprengen von Strommasten dabei, was ihn ins Gefängnis brachte. Felix verehrte seine Mutter, aber sie starb früh. Felix musste zu Hause helfen. Er aber wollte studieren. Einmal brach er aus und fuhr mit dem Zug nach Rom, wo er im selben Abteil mit den anderen war. Er begann zu studieren, wurde Internetdesigner, blieb ein Single und reiste viel. Mit der verheirateten Juliane hatte er ein Verhältnis. Letztlich starb er an Krebs. Dies ist ein wichtiger Teil des Buches. Ausführlich und detailgenau wird das Sterben berichtet, bei dem Freunde beistehen.
• Max: War Koch. Kam aus einfachen Verhältnissen und ist im Heim aufgewachsen. Als er seine ihm unbekannten Halbschwestern kennen lernt (die Mutter gab sie zur Adoption frei), ändert sich sein Leben. Die Adoptiveltern der beiden Mädchen helfen ihm und er wird ein anerkannter Künstler. Mit Felix wohnte er in einer Wohngemeinschaft und gemeinsam fahren sie nach Rom, wo sich diese vier Personen treffen. Max hält den Kontakt mit allen aufrecht.
• Juliane: Eine Tiroler Cellospielerin. Sie fühlte sich am Tod ihres Bruders schuld und war traumatisiert. Um das abzubauen fuhr sie mit ihrem Cello nach Italien und aß im selben Abteil mit den drei Männern. Von einem wurde sie die Ehefrau, vom anderen die Liebhaberin.
Am Todenbett und beim Begräbnis von Felix sind sie wieder alle beisammen und beschließen eine gemeinsame Reise nach Rom, so wie vor einigen Jahrzehnten. Juliane und Max wandern nochmals den Weg nach Assisi und ihre Ehe bleibt in Liebe bestehen. Juliane sagt sehr realistisch „Ich war verrückt nach Felix, und gleichzeitig war ich mir die ganze Zeit über bewusst, dass ich Paul liebe und brauche, dass ich mich nie von ihm trennen würde. Dass ich zu ihm gehöre, wie das Amen in der Kirche.“ (Seite 160) Max, der Ehemann wollte auch nie Details über die Liebesaffäre wissen.
Vielleicht ein Happy End (abgesehen davon, dass Felix sterben musste)? Es ist aber nicht kitschig. Es ist harmonisch.
Das ist nur ein Teil der Geschichte. Vieles mehr erfährt man beim Lesen.
Großartig, wie sich Taschler mit dem Sterben auseinandersetzt. Wie Felix kämpft zu leben. Deswegen auch der Titel „bleiben“. Nach der Diagnose „Krebs“ will er es nicht wahrhaben. „Meine Krankheit stelle ich mir manchmal als unzählige kleine Krebse vor, unersättliche, die in meinem Körper herumkriechen und naschen wollen, von meinen saftigen roten Organen. … Wollt ihr denn nicht endlich weiterziehen! In meine Speiseröhre hinauf, sammelt euch alle schön auf meiner Zunge, damit ich euch auskotzen kann! Oder wandert ab in meinen Darm, damit ich euch geschlossen auskacken kann!“ (Seite 187) „Ich weiß nur eines. Ich finde das Leben schön. Und die Welt. Ich möchte gerne noch bleiben.“ (Seite 191)
Aber auch das Verhältnis wird sehr realistisch und nicht verklärt beschrieben. Die inneren Zweifel und Kämpfe, die so eine Liebschaft auslöst.
Einleitend habe ich den Verlag und seine Organisation des Buches kritisiert. Vielleicht hat es aber auch einen Vorteil, wenn sich der Leser die Puzzles erst selbst zusammenfinden muss um am Ende das gesamte Bild zu sehen?

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    Die einzelnen Kapitel des Buches tragen einen Vornamen und ein Datum. Zu Beginn ist es schwer zuzuordnen, wer wer ist. Ich traf einen Freund, der mir erzählte den ersten Teil des Buches nochmals gelesen zu haben, um zu verstehen, welche Personen hier abgehandelt wurden.
    Eine Empfehlung an den Verlag wäre es, vorne oder hinten im Buch eine Liste der Proponenten und ihr Verhältnis zueinander aufzustellen.
    Taschler erzählt die Geschichte aus verschiedenen Blickwinkeln mit Hilfe verschiedener handelnder Personen:
    •	Paul: Aus einer angesehenen und konservativen Rechtsanwaltsfamilie. Sein Berufsleben war vorgezeichnet – auch wenn er kurz rebellierte und eine „nicht standesgemäße“ Frau heiratete, von der er sich aber später scheiden ließ. In seiner Krise mit dem Vater und der geschiedenen Frau fuhr er spontan mit dem Zug nach Rom. Dort ist auch der Ausgangspunkt dieses Romans. Alle vier Personen sitzen im selben Abteil. Paul heiratet später Juliane, übernimmt die Kanzlei seines Vaters und sie leben als konservative Familie. So wie seine Eltern und so wie er es als junger Mann nicht wollte.
    •	Felix: Kommt aus Südtirol. Über ihn erfährt der Erzähler die jüngste Geschichte Südtirols. Wie es nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg an Italien gegeben wurde, obwohl die Bevölkerung ausschließlich deutsch (österreichisch) war. Unter dem Hitlerregime wurden viele ins „Reich“ ausgesiedelt. So auch sein Großvater. Er arbeitete im Stahlwerk in Linz. Das Mädchen – die Mutter von Felix – war unglücklich und überredete den Vater zur Heimkehr nach Südtirol. Dort bauten sie den Bauernhof wieder auf. Vor allem ihre Initiative war es, dass es ein blühender Betrieb mit Gaststube, Gästezimmern und Landwirtschaft wurde. Sie heiratete den Sohn des Gastwirts, der ihr half, aber an den Unabhängigkeitsbewegungen Südtirols teilnahm. Als solches war er beim Schmuggeln von Sprengstoff und sprengen von Strommasten dabei, was ihn ins Gefängnis brachte. Felix verehrte seine Mutter, aber sie starb früh. Felix musste zu Hause helfen. Er aber wollte studieren. Einmal brach er aus und fuhr mit dem Zug nach Rom, wo er im selben Abteil mit den anderen war. Er begann zu studieren, wurde Internetdesigner, blieb ein Single und reiste viel. Mit der verheirateten Juliane hatte er ein Verhältnis. Letztlich starb er an Krebs. Dies ist ein wichtiger Teil des Buches. Ausführlich und detailgenau wird das Sterben berichtet, bei dem Freunde beistehen. 
    •	Max: War Koch. Kam aus einfachen Verhältnissen und ist im Heim aufgewachsen. Als er seine ihm unbekannten Halbschwestern kennen lernt (die Mutter gab sie zur Adoption frei), ändert sich sein Leben. Die Adoptiveltern der beiden Mädchen helfen ihm und er wird ein anerkannter Künstler. Mit Felix wohnte er in einer Wohngemeinschaft und gemeinsam fahren sie nach Rom, wo sich diese vier Personen treffen. Max hält den Kontakt mit allen aufrecht.
    •	Juliane: Eine Tiroler Cellospielerin. Sie fühlte sich am Tod ihres Bruders schuld und war traumatisiert. Um das abzubauen fuhr sie mit ihrem Cello nach Italien und aß im selben Abteil mit den drei Männern. Von einem wurde sie die Ehefrau, vom anderen die Liebhaberin.
    Am Todenbett und beim Begräbnis von Felix sind sie wieder alle beisammen und beschließen eine gemeinsame Reise nach Rom, so wie vor einigen Jahrzehnten. Juliane und Max wandern nochmals den Weg nach Assisi und ihre Ehe bleibt in Liebe bestehen. Juliane sagt sehr realistisch „Ich war verrückt nach Felix, und gleichzeitig war ich mir die ganze Zeit über bewusst, dass ich Paul liebe und brauche, dass ich mich nie von ihm trennen würde. Dass ich zu ihm gehöre, wie das Amen in der Kirche.“ (Seite 160) Max, der Ehemann wollte auch nie Details über die Liebesaffäre wissen. 
    Vielleicht ein Happy End (abgesehen davon, dass Felix sterben musste)? Es ist aber nicht kitschig. Es ist harmonisch.
    Das ist nur ein Teil der Geschichte. Vieles mehr erfährt man beim Lesen.
    Großartig, wie sich Taschler mit dem Sterben auseinandersetzt. Wie Felix kämpft zu leben. Deswegen auch der Titel „bleiben“. Nach der Diagnose „Krebs“ will er es nicht wahrhaben. „Meine Krankheit stelle ich mir manchmal als unzählige kleine Krebse vor, unersättliche, die in meinem Körper herumkriechen und naschen wollen, von meinen saftigen roten Organen. … Wollt ihr denn nicht endlich weiterziehen! In meine Speiseröhre hinauf, sammelt euch alle schön auf meiner Zunge, damit ich euch auskotzen kann! Oder wandert ab in meinen Darm, damit ich euch geschlossen auskacken kann!“ (Seite 187) „Ich weiß nur eines. Ich finde das Leben schön. Und die Welt. Ich möchte gerne noch bleiben.“ (Seite 191) 
    Aber auch das Verhältnis wird sehr realistisch und nicht verklärt beschrieben. Die inneren Zweifel und Kämpfe, die so eine Liebschaft auslöst. 
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