Der Steppenwolf

HESSE, Hermann (2019): Der Steppenwolf. 2019.

Abstract

HESSE, Hermann: „Der Steppenwolf“, Berlin 2018
Ein Klassiker. Ich, als Leser, bin ein Late Follower. Meine Kinder hatten es schon in der Schule gelesen. Bald wird es auch von den Enkelkindern gelesen werden. Naiv ging ich ans Lesen. Unter dem Titel „Steppenwolf“ erwartete ich eine Geschichte aus dem Wilden Westen oder einen Naturkunderoman. Dass der Steppenwolf ein Mensch, eigentlich ein normaler Mensch ist, in dessen Seele und Denken neben dem Menschsein auch etwas Tierisches wohnt war dann die große Überraschung.
Der Autor tut so, als sei die Geschichte nicht (ganz) von ihm geschrieben. In seinem Vorwort meint er, er habe den Text von einem Untermieter seiner Tante gefunden. Sie werden „Harry Hallers Aufzeichnungen“ genannt. Harry Haller ist die Hauptfigur, der Steppenwolf, wie er sich auch selbst bezeichnet. Wie die Mischung von Wolf und Mensch aussieht wird dann in einem „Tractat vom Steppenwolf“ beschrieben. Eine Broschüre, die der Steppenwolf selbst von einem nächtlichen Straßenverkäufer erwirbt. Hierin wird dann sein eigener Charakter beschrieben und erst nach diesem geht es dann auf Seite 87 in den eigentlichen Roman hinein. Obwohl auch hier noch ein kurzer Schwenk: in Gedichtform kommt nochmals eine Beschreibung dieser Mensch-Tier-Kreuzung. Der Roman endet in einem „Magischen Theater“, in dem der Proponent noch verschiedene Szenarien durchleben kann.
Allein vom Aufbau her ist dieser Roman schon etwas Besonderes.
Der Steppenwolf ist ein einsamer Mensch. Er zieht von einer Unterkunft zur nächsten. Seine Frau hat ihn verlassen. Seine Freundin trifft er nur in großen Abständen. Meist ist er alleine. Der Steppenwolf ist das in „eine ihm fremde und unverständliche Welt verirrte Tier, das seine Heimat, Luft und Nahrung nicht mehr findet.“ (Seite 41) Zusätzlich ist er noch ein Abendmensch, der oft bis tief in den Tag hinein schläft, um dann in der Nacht aktiv zu werden. „Der Morgen war für ihn eine schlimme Tageszeit, die er fürchtete und die ihm niemals Gutes gebracht hat. Nie ist er an irgendeinem Morgen seines Lebens richtig froh gewesen, nie hat er in den Stunden vor Mittag Gutes getan, gute Einfälle gehabt, sich und anderen Freude bereiten können.“ (Seite 60)
Essen ist ihm nicht wichtig. „Und alsdann fraß ich ein gutes Stück von der Leber, die man aus dem Leib eines totgeschlagenen Kalbes geschnitten hatte.“ (Seite 45)
Der Selbstmordgedanke quält ihn, obwohl er weiß, dass es nicht nur ein Ausweg ist. „Jeder weiß, in irgendeinem Winkel seiner Seel, recht wohl, dass Selbstmord zwar ein Ausweg, aber doch nur ein etwas schäbiger und illegitimer Notausgang ist, dass es im Grunde edler und schöner ist, sich vom Leben selbst besiegen zu lassen und hinstrecken zu lassen als von der eigenen Wand.“ (Seite 65) Mit diesem inneren Zwiespalt kämpft der Steppenwolf. Er weiß es dann schon fast sicher, dass er mit der Rasierklinge seinem Leben ein Ende machen wird. Er streunt noch durch die Nacht und wie es das Schicksal will trifft er in einem Gasthaus auf eine junge Frau, die sein Problem erkennt und ihn auf andere Gedanken bringt, ja, die ihn berät und unterstützt, seine Freundin wird.
Viele Dinge haben auch heute noch Tagesaktualität, wie etwa die Meinung über die Medien: „Zwei Drittel meiner Landsleute lesen diese Art von Zeitungen, lesen jeden Morgen und Abend diese Töne, werden jeden Tag bearbeitet, ermahn, verhetzt, unzufrieden und böse gemacht …“ (Seite 152)
Im Traum erscheint dem Steppenwolf auch Goethe und er erklärt ihm, was er falsch macht. Es kommt zu einer Diskussion. Ebenso kommt es mit einem Musiker zu einem Diskurs über Musik. Der intellektuelle und gebildete Steppenwolf will unterscheiden zwischen guter und schlechter Musik. Er will klassifizieren und etwa klassische Musik höherstellen als Schlagermusik. Sein Gesprächspartner meint aber, dass jede Art von Musik ihre Berechtigung hat. Dass zwar Mozart auch in den nächsten Generationen noch gespielt wird und so mancher Schlager schon nach kurzer Zeit vergessen sein wird, „aber das können wir ruhig dem lieben Gott überlassen, er ist gerecht und hat unser aller Lebensdauer in der Hand, auch die jedes Walzers und jedes Foxtrott, er wird sicher das richtige tun.“ (Seite 172)
So steckt dieses Buch neben der Handlung um die Leiden des Steppenwolfs auch voll mit Lebensweisheiten.
Den Höhepunkt erreicht das Buch im Finale im „Magischen Theater“, das aber „nicht für jedermann“ ist. Seine Freundin Hermine und deren Freund, der Musiker bringen ihn zu diesem außergewöhnlichen Erlebnis, in dem es in verschiedenen Logen unterschiedliche Szenarien zu erleben gibt. In der „Auf zum Fröhlichen Jagen!“ geht es um Krieg. Mit einem Jugendfreund, einem Theologieprofessor, gelangt er in eine Kriegsszene, wo es nur darum geht andere Menschen zu erschießen. Hesse macht damit bewusst, wie manipulierbar der Mensch ist, auch wenn es unmenschliche Handlungen sind.
Das Angebot weiterer Erlebnisszenen ist groß. Der Steppenwolf entscheidet sich für „Anleitung zum Aufbau einer Persönlichkeit“, in der er lernt mit schachfigurenähnlichen Figuren ein persönliches Szenarium aufzustellen. In der Sektion „Wunder der Steppenwolfdressur“ werden ihm zwei Szenarien vorgeführt: einerseits wie sich der Wolf dem Menschen gefügig macht, aber auch, wie sich der Mensch dem Wolf unterordnet. Bei „Alle Mädchen sind dein“ werden ihm alle Liebschaften seines Lebens bewusst gemacht. Und dann der Höhepunkt „Wie man durch Liebe tötet“. Hier findet er seine Henriette mit dem Jazzmusiker nackt nebeneinander liegen. Henriettes Wunsch war es, dass der Steppenwolf sie tötet; ihr Leben beendet, was er an dieser Stelle tut. In einer Diskussion mit dem Musiker beschuldigt ihn der, sein Theater, das sich in der irrealen Welt bewegt mit dem Mord ins Reale geholt zu haben. Mozart tritt als eine Art Richter auf und stellt den Steppenwolf zur Verantwortung. Die letzte Loge heißt „Harrys Hinrichtung“. Hier wird der Steppenwolf vor ein Gericht gebracht und verurteilt. Wird es vollstreckt? Das bleibt offen, den zu Beginn des Theaterbesuchs reichte der Musiker Rauschgift und erst das eröffnet die Vorstellungskraft für die einzelnen Szenarien.
Mit Hesses „Steppenwolf“ liegt ein Klassiker der Dichtung vor, der auch noch von vielen kommenden Generationen gelesen wird und an Aktualität nicht verlieren wird.

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    Der Autor tut so, als sei die Geschichte nicht (ganz) von ihm geschrieben. In seinem Vorwort meint er, er habe den Text von einem Untermieter seiner Tante gefunden. Sie werden „Harry Hallers Aufzeichnungen“ genannt. Harry Haller ist die Hauptfigur, der Steppenwolf, wie er sich auch selbst bezeichnet. Wie die Mischung von Wolf und Mensch aussieht wird dann in einem „Tractat vom Steppenwolf“ beschrieben. Eine Broschüre, die der Steppenwolf selbst von einem nächtlichen Straßenverkäufer erwirbt. Hierin wird dann sein eigener Charakter beschrieben und erst nach diesem geht es dann auf Seite 87 in den eigentlichen Roman hinein. Obwohl auch hier noch ein kurzer Schwenk: in Gedichtform kommt nochmals eine Beschreibung dieser Mensch-Tier-Kreuzung. Der Roman endet in einem „Magischen Theater“, in dem der Proponent noch verschiedene Szenarien durchleben kann.
    Allein vom Aufbau her ist dieser Roman schon etwas Besonderes.
    Der Steppenwolf ist ein einsamer Mensch. Er zieht von einer Unterkunft zur nächsten. Seine Frau hat ihn verlassen. Seine Freundin trifft er nur in großen Abständen. Meist ist er alleine. Der Steppenwolf ist das in „eine ihm fremde und unverständliche Welt verirrte Tier, das seine Heimat, Luft und Nahrung nicht mehr findet.“ (Seite 41) Zusätzlich ist er noch ein Abendmensch, der oft bis tief in den Tag hinein schläft, um dann in der Nacht aktiv zu werden. „Der Morgen war für ihn eine schlimme Tageszeit, die er fürchtete und die ihm niemals Gutes gebracht hat. Nie ist er an irgendeinem Morgen seines Lebens richtig froh gewesen, nie hat er in den Stunden vor Mittag Gutes getan, gute Einfälle gehabt, sich und anderen Freude bereiten können.“ (Seite 60)
    Essen ist ihm nicht wichtig. „Und alsdann fraß ich ein gutes Stück von der Leber, die man aus dem Leib eines totgeschlagenen Kalbes geschnitten hatte.“ (Seite 45)
    Der Selbstmordgedanke quält ihn, obwohl er weiß, dass es nicht nur ein Ausweg ist. „Jeder weiß, in irgendeinem Winkel seiner Seel, recht wohl, dass Selbstmord zwar ein Ausweg, aber doch nur ein etwas schäbiger und illegitimer Notausgang ist, dass es im Grunde edler und schöner ist, sich vom Leben selbst besiegen zu lassen und hinstrecken zu lassen als von der eigenen Wand.“ (Seite 65) Mit diesem inneren Zwiespalt kämpft der Steppenwolf. Er weiß es dann schon fast sicher, dass er mit der Rasierklinge seinem Leben ein Ende machen wird. Er streunt noch durch die Nacht und wie es das Schicksal will trifft er in einem Gasthaus auf eine junge Frau, die sein Problem erkennt und ihn auf andere Gedanken bringt, ja, die ihn berät und unterstützt, seine Freundin wird.
    Viele Dinge haben auch heute noch Tagesaktualität, wie etwa die Meinung über die Medien: „Zwei Drittel meiner Landsleute lesen diese Art von Zeitungen, lesen jeden Morgen und Abend diese Töne, werden jeden Tag bearbeitet, ermahn, verhetzt, unzufrieden und böse gemacht …“ (Seite 152)
    Im Traum erscheint dem Steppenwolf auch Goethe und er erklärt ihm, was er falsch macht. Es kommt zu einer Diskussion. Ebenso kommt es mit einem Musiker zu einem Diskurs über Musik. Der intellektuelle und gebildete Steppenwolf will unterscheiden zwischen guter und schlechter Musik. Er will klassifizieren und etwa klassische Musik höherstellen als Schlagermusik. Sein Gesprächspartner meint aber, dass jede Art von Musik ihre Berechtigung hat. Dass zwar Mozart auch in den nächsten Generationen noch gespielt wird und so mancher Schlager schon nach kurzer Zeit vergessen sein wird, „aber das können wir ruhig dem lieben Gott überlassen, er ist gerecht und hat unser aller Lebensdauer in der Hand, auch die jedes Walzers und jedes Foxtrott, er wird sicher das richtige tun.“ (Seite 172)
    So steckt dieses Buch neben der Handlung um die Leiden des Steppenwolfs auch voll mit Lebensweisheiten.
    Den Höhepunkt erreicht das Buch im Finale im „Magischen Theater“, das aber „nicht für jedermann“ ist. Seine Freundin Hermine und deren Freund, der Musiker bringen ihn zu diesem außergewöhnlichen Erlebnis, in dem es in verschiedenen Logen unterschiedliche Szenarien zu erleben gibt. In der „Auf zum Fröhlichen Jagen!“ geht es um Krieg. Mit einem Jugendfreund, einem Theologieprofessor, gelangt er in eine Kriegsszene, wo es nur darum geht andere Menschen zu erschießen. Hesse macht damit bewusst, wie manipulierbar der Mensch ist, auch wenn es unmenschliche Handlungen sind. 
    Das Angebot weiterer Erlebnisszenen ist groß. Der Steppenwolf entscheidet sich für „Anleitung zum Aufbau einer Persönlichkeit“, in der er lernt mit schachfigurenähnlichen Figuren ein persönliches Szenarium aufzustellen. In der Sektion „Wunder der Steppenwolfdressur“ werden ihm zwei Szenarien vorgeführt: einerseits wie sich der Wolf dem Menschen gefügig macht, aber auch, wie sich der Mensch dem Wolf unterordnet. Bei „Alle Mädchen sind dein“ werden ihm alle Liebschaften seines Lebens bewusst gemacht. Und dann der Höhepunkt „Wie man durch Liebe tötet“. Hier findet er seine Henriette mit dem Jazzmusiker nackt nebeneinander liegen. Henriettes Wunsch war es, dass der Steppenwolf sie tötet; ihr Leben beendet, was er an dieser Stelle tut. In einer Diskussion mit dem Musiker beschuldigt ihn der, sein Theater, das sich in der irrealen Welt bewegt mit dem Mord ins Reale geholt zu haben. Mozart tritt als eine Art Richter auf und stellt den Steppenwolf zur Verantwortung. Die letzte Loge heißt „Harrys Hinrichtung“. Hier wird der Steppenwolf vor ein Gericht gebracht und verurteilt. Wird es vollstreckt? Das bleibt offen, den zu Beginn des Theaterbesuchs reichte der Musiker Rauschgift und erst das eröffnet die Vorstellungskraft für die einzelnen Szenarien.
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