Entdecker. Eine Poetik

EDELBAUER, Raphaela (2018): Entdecker. Eine Poetik. 2018.

Abstract

EDELBAUER, Raphaela: „Entdecker. Eine Poetik“, Wien 2017
Ein avantgardistisches, modernes Buch. Ein Wegweiser, ein Richtungsweiser in der Literatur? Beim Ingeborg Bachmann Preis 2018 erzielte sie den Publikumspreis. Das Buch besticht schon in seiner Aufmachung als „anders“. So gibt es kein Vorwort, sondern eine „Gebrauchsanweisung“ an den Leser. Im ersten Abschnitt definiert sie dann in sechs Kategorien (A bis F) die Beschaffenheit von Texten. Texte, die sich nur unter hohem Druck formen können, die durch die Vokalmembrane Phrasen in den Text ziehen lässt, in denen sich unabhängige Segmente zu einem Gemeinsamen verschmelzen oder jene, die „einen sogenannten Kau- oder Sprechmagen; einen Verdauungsapparat, dessen Verarbeitungstätigkeit kurioserweise mit dem Sprechvorgang in eins fällt.“ (Seite 28) Zur zweiten Kategorie wird eine Anweisung zum Erleben desselben gegeben: „Laufen sie eine Runde um den Block, setzen sie sich und ignorieren sie ihren schweren Atem, legen sie einen Finger unter ihre Zunge und sie spüren, wie darunter stumm der Text tobt, der seit ihrer Geburt aus ihrem Mund zu entkommen versucht.“ (Seite 24)
Im zweiten Abschnitt, der sich „Mineralien“ nennt, wird ein Mineral mit dem Namen „Dementium“ vorgestellt, das für viele Leiden und Probleme eine Lösung bietet. „Eine phantastische Naturkundesendung“.
Der dritte Abschnitt widmet sich der Kartografie und die Autorin meint, dass „die Kartografie … die Entdeckung des Unwesentlichen“ sei. Ihr Fokus zum Wort und Text geht dabei aber nicht verloren.
Das Kapitel Gravitation etwa stellt Vergleiche an, was wäre, wenn die Sonne ihre Arbeit aufgeben würde. Wir würden es erst 8 Minuten später sehen können und ins All geschleudert werden. Auch Worte kommen und vergehen. „Das Wort „Chaiselongue“ beispielsweise, ehedem in allen Sprachräumen ausgedehnt, verwitterte und fiel in sich zusammen, während das einstige Kümmerpflänzchen „Computer“ kometenhaft aufstieg und immer voluminöser wurde.“ (Seite 85)
Am ausführlichsten widmet sich die Autorin mit der Anatomie. Sie veranschaulicht diese an einem Fantasiegebäude, das sich eine reiche Frau zur Selbstverwirklichung bauen ließ. Die Autorin ist als Journalistin zur Berichterstattung eingeladen und erzählt von diesem Phantasiegebilde, das „Absurdium“ genannt wird. Wie durch einen riesigen Körper mit all seinen Organen wandert sie durch das Haus. Der Besucher wird Extremsituationen ausgesetzt. Vergleiche, wie etwa, man hätte einen Bandwurm, der so groß wie der Darm wird. Er würde dann alle zugeführte Nahrung gleich direkt bei der Speiseröhre übernehmen. Der Mensch selbst müsste verhungern. Völlig geschafft und mit zerrissen Kleidern verlässt sie letztlich das Haus.
Im letzten Abschnitt, den sie „Aggregatzustände“ nennt wird man als Leser in ein Forschungsinstitut geführt und man erlebt Experimente mit, bei denen man oft zweifeln muss.
So wie man ins Buch mit einer „Gebrauchsanweisung“ eingeführt wird, wird man wieder entlassen: „Die Welt sortiert sich, indem sie sich der Sprache angloeicht. Jetzt darfst du das Buch zuschlagen.“ (Seite 171, die letzte Seite)

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    Ein avantgardistisches, modernes Buch. Ein Wegweiser, ein Richtungsweiser in der Literatur? Beim Ingeborg Bachmann Preis 2018 erzielte sie den Publikumspreis. Das Buch besticht schon in seiner Aufmachung als „anders“. So gibt es kein Vorwort, sondern eine „Gebrauchsanweisung“ an den Leser. Im ersten Abschnitt definiert sie dann in sechs Kategorien (A bis F) die Beschaffenheit von Texten. Texte, die sich nur unter hohem Druck formen können, die durch die Vokalmembrane Phrasen in den Text ziehen lässt, in denen sich unabhängige Segmente zu einem Gemeinsamen verschmelzen oder jene, die „einen sogenannten Kau- oder Sprechmagen; einen Verdauungsapparat, dessen Verarbeitungstätigkeit kurioserweise mit dem Sprechvorgang in eins fällt.“ (Seite 28) Zur zweiten Kategorie wird eine Anweisung zum Erleben desselben gegeben: „Laufen sie eine Runde um den Block, setzen sie sich und ignorieren sie ihren schweren Atem, legen sie einen Finger unter ihre Zunge und sie spüren, wie darunter stumm der Text tobt, der seit ihrer Geburt aus ihrem Mund zu entkommen versucht.“ (Seite 24)
    Im zweiten Abschnitt, der sich „Mineralien“ nennt, wird ein Mineral mit dem Namen „Dementium“ vorgestellt, das für viele Leiden und Probleme eine Lösung bietet. „Eine phantastische Naturkundesendung“.
    Der dritte Abschnitt widmet sich der Kartografie und die Autorin meint, dass „die Kartografie … die Entdeckung des Unwesentlichen“ sei. Ihr Fokus zum Wort und Text geht dabei aber nicht verloren.
    Das Kapitel Gravitation etwa stellt Vergleiche an, was wäre, wenn die Sonne ihre Arbeit aufgeben würde. Wir würden es erst 8 Minuten später sehen können und ins All geschleudert werden. Auch Worte kommen und vergehen. „Das Wort „Chaiselongue“ beispielsweise, ehedem in allen Sprachräumen ausgedehnt, verwitterte und fiel in sich zusammen, während das einstige Kümmerpflänzchen „Computer“ kometenhaft aufstieg und immer voluminöser wurde.“ (Seite 85)
    Am ausführlichsten widmet sich die Autorin mit der Anatomie. Sie veranschaulicht diese an einem Fantasiegebäude, das sich eine reiche Frau zur Selbstverwirklichung bauen ließ. Die Autorin ist als Journalistin zur Berichterstattung eingeladen und erzählt von diesem Phantasiegebilde, das „Absurdium“ genannt wird. Wie durch einen riesigen Körper mit all seinen Organen wandert sie durch das Haus. Der Besucher wird Extremsituationen ausgesetzt. Vergleiche, wie etwa, man hätte einen Bandwurm, der so groß wie der Darm wird. Er würde dann alle zugeführte Nahrung gleich direkt bei der Speiseröhre übernehmen. Der Mensch selbst müsste verhungern. Völlig geschafft und mit zerrissen Kleidern verlässt sie letztlich das Haus.
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    So wie man ins Buch mit einer „Gebrauchsanweisung“ eingeführt wird, wird man wieder entlassen: „Die Welt sortiert sich, indem sie sich der Sprache angloeicht. Jetzt darfst du das Buch zuschlagen.“ (Seite 171, die letzte Seite)
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