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Prof. Dr. Johann Günther
 

Lesestoff

Was ich gerade lese oder vor kurzem gelesen habe

WALSER, Martin: „Seelenarbeit“, Frankfurt 1983
Aus der Sicht eines Direktionschauffeurs werden Menschen betrachtet und analysiert.
Landschaftsbeschreibung: „Hier musste sich offenbar die Ebene zuerst in Mulden senken, bevor überhaupt eine Erhebung entstehen konnte.“ (Seite 49)
Zum Patienten lässt er den Arzt sagen: „Also, lieber Herr Zürn, sie kriegen von mir kein Gramm Medizin. Ich werde nicht die Volkswirtschaft belasten, bloß um ihnen ihre Begegnung mit sich selbst zu ersparen. Sie müssen sich begegnen.“ (Seite 112)
Zum Selbstmord sagt er: „Er habe Leute dick, die so täten, als wollten sie sich wegtun, aber dann schaffen sie´s nicht. … Die wollen nichts als Mitleid schinden. Unlauterer Wettbewerb ist das. Und eine höchst unfaire Gesellschaftskritik.“ (Seite 136/137)
Die Situation, wenn man mit einem Problem schlaflos im Bett liegt beschreibt er so: „Du spürst wie es in deinem Kopf rast. Was da rast, sind die Gründe zu deinen Gunsten. Wie die Blutkörperchen rasen sie zu der Stelle, an der du verletzt worden bist. Dabei wäre dir doch am meisten geholfen, wenn du dich mit dieser Stelle nicht mehr abgeben müsstest. Alles, was dich an diese Stelle lenkt, schwächt dich. Auch wenn es als Hilfe auftritt. Aber du bist diese Stelle.“ (Seite 275)
„Was ist denn ein Sieger? Der Unterschied zwischen dem Sieger und dem Besiegten besteht nur darin, dass der Sieger an den Besiegten nur denkt, wenn er will, während der Besiegte an den Sieger denken muss, ob er will oder nicht.“ (Seite 283/284)
Eine normale Familiengeschichte. Eine Ehepaar mit zwei Kindern – Mädchen – auf dem Land. Sie bewirtschaftet einen kleinen Bauernhof und er ist Chauffeur beim Direktor einer Firma. Tagprobleme: er verliert seinen Job als Chauffeur, darf aber als Hubstaplerfahrer weiter im Betrieb bleiben; die Tochter fällt in der Schule durch und muss die Klasse wiederholen; sie hat einen Freund, der den Eltern nicht recht ist; durch den Bau einer Umfahrungsstraße verlieren sie einen großen Teil ihres Grundstücks. Probleme, die bewältigt werden müssen. Die das Leben sind.
(Hinterbrühl, 02.09.2010)
 
GLATTAUER, Daniel: „Rainer Maria sucht das Paradies“, illustriert von Johanna Roither, Wien 2008
Ein liebes Buch, das zwischen Kinderbuch und Erwachsenenbuch liegt. Ich habe es zu meinem Geburtstag von den Kindern bekommen und noch in derselben Nacht gelesen.
Eine Schnecke erzählt ihre Umwelterlebnisse. Es ist eine Nacktschnecke, deren Image bei Menschen ja nicht sehr hoch ist. Dementsprechend kämpft sie. Glattauer gab ihr den Namen des Dichters Rilke, dessen Gedichte er auch dazwischen einstreut. Ob das Rilke Recht gewesen wäre? Auf alle Fälle hilft er das Image der Nacktschnecken zu heben.
(Hinterbrühl, 17.08.2010)
 
FRISCHMUTH, Barbara: „Die Kuh, der Bock, seine Geiss und ihr Liebhaber“, Berlin 2010
Der Direktor des Tiergartens Schönbrunn hielt einmal einen Vortrag für mich, in dem er Manager mit Tieren verglich. So ähnlich geht es im vorliegenden Buch von Barbara Frischmuth zu, die den Zusammenhang aber noch literarisch und mit Wortwahl herstellt. Schriftstellerisch eine tolle Sache, die aber nicht immer leicht zu lesen ist. Wobei das Leseerlebnis in den einzelnen Geschichten sehr unterschiedlich ist. In der ersten Erzählung – die auch dem Buch den Namen gibt – hätte ich fast das ganze Buch abgebrochen. Aber schon die zweite entschädigte und ließ mich auf jeder Seite mehrmals laut lachen.
(Hinterbrühl, 06.08.2010)
 
PUSCHKIN, Alexander: „Puschkin-Märchen; Palech-Malerei“, 2009
Illustriert mit der russischen Lackmalerei – die sich Szenen der jeweiligen Märchen bedient – werden sechs Märchen Puschkins in Reimform wiedergegeben. Man gewöhnt sich aber an die heute unübliche Form. Die Märchen selbst sind keine Märchen für Kinder, auch wenn viele Themen an unsere Märchen erinnern – z.B. das „Märchen von der toten Zarentochter und den sieben Recken“ an „Schneewittchen und die sieben Zwerge“.
In „Ruslan und Ludmila“ streiten 4 Ritter um die von einem Zwerg entführte Königstochter. Der „Sieger“ bekommt sie zur Frau.
In einem anderen Märchen sind es die Frauen, die um den König streiten.
(Hinterbrühl, 05.08.2010)
 
SHAKESPEARE, William: „Hamlet“, Stuttgart 1962
Zu einem Werk wie diesem kann man keine Kritik abgeben. Es ist außerhalb der Reichweite eines normalen Lesers. Ich begnüge mich mit Textpassagen, die zu lesen ein Genuss ist:
Nachdem die Mutter kurz nach dem Tod des Vaters von Hamlet geheiratet hat sagt Hamlet: „Das Gebackne vom Leichenschmaus gab kalte Hochzeitsschüsseln.“ (Seite 15)
„Mein Leben acht´ ich keine Nadel wert, und meiner Seele, kann es der was tun, die ein unsterblich Ding ist, wie es selbst?“ (Seite 24)
„Zweifle an der Sonne Klarheit,
Zweifle an der Sterne Licht,
Zweifl´, ob lügen kann die Wahrheit,.
Nur an meiner Liebe nicht“ (Seite 38)
„ … dass alte Männer graue Bärte haben;
Dass ihre Gesichter runzelig sind;
Dass ihnen zäher Ambra und Harz aus den Augen trieft;
Dass sie einen überflüssigen Mangel an Witz und
Daneben sehr kraftlose Lenden haben“ (Seite 40/41)
„Sein oder Nichtsein – das ist hier die Frage“ (Seite 55)
„Nur dass die Furcht vor etwas nach dem Tod –
Von jenem unentdeckten Land, aus dem
Kein Wandrer wiederkehrt …“ (Seite 55)
Zum Schmincken der Frauen sagt Hamlet: „Gott hat euch EIN Gesicht gegeben, und ihr macht euch ein andres;“ (Seite 57)
„Wenn Worte Atem sind, und Atem Leben ist, hab´ ich kein Leben, das auszuatmen, was du mir gesagt.“ (Seite 80)
„Wir mästen alle anderen Kreaturen, um uns zu mästen; und uns selbst mästen wir für Maden. Der fette König und der magre Bettler sind nur verschiedne Gerichte; zwei Schüsseln, aber für eine Tafel: das ist das Ende vom Liede.“ (Seite 85)
Schön auch die Passage, wo Hamlet den Tod seines Vaters beklagt und man ihm sagt, dass schon die Väter der Väter gestorben sind…
(Hinterbrühl, 31.07.2010)
 
PUSCHKIN, Alexander S.: „Die Erzählungen“, Düsseldorf Zürich 1996
Angeregt durch die letzte Russlandreise und das Tolstoi-Buch las ich Puschkins Erzählungen.
Die erste Erzählung berichtet über einen Neger (ich darf so sagen, weil es auch im Buch so heißt – bzw Mohr), den der Zar freigekauft und zu seinem engsten Berater gemacht hatte. Er schickt ihn nach Frankreich zur militärischen Ausbildung wo er auch sehr erfolgreich ist und auch gesellschaftlich sehr integriert wird. Er verliebt sich in eine Gräfin. Auf Ersuchen des Zaren kehrt er aber nach Russland zurück, wo er weiter dem Zaren dient. Dieser will ihn mit einer Russin verheiraten. Hier aber zeigt sich die Einstellung zur „Rasse“. Das Fräulein stirbt lieber als einen Schwarzen zu heiraten.
In der zweiten Geschichte – in mehreren Kapitel – erzählt Puschkin die Geschichte von Iwan Petrowitsch und gibt einen tiefen Einblick ins Leben Russlands um diese Zeit. Dazwischen immer wieder nette Anweisungen an den Leser warum er etwa diese oder jene Geschichte nicht detaillierter bringt.
In der Geschichte „Roslawlew“ erklärt Puschkin die Liebe der Russen zum Französischen in seiner Zeit. Es gab keine russische Literatur. Die Russen waren gezwungen französische Autoren zu lesen. Erst mit dem Feldzug Napoleons kam wieder russischer Patriotismus auf. Auch die Stellung der Frauen in dieser Zeit definiert er sehr treffen: „Die Kargheit seiner Briefe war nicht etwa auf seine eigene Unbedeutendheit zurückzuführen, auf ein für uns übrigens höchst beleidigendes Vorurteil. Er nahm nämlich an, dass man sich Frauen gegenüber eines Tones befleißigen müsse, der ihrem Schwachsinn entspreche, und dass wichtige Dinge sie überhaupt nichts angingen.“ (Seite 149)
Die Geschichte über Dubrowskij enthält viel menschliche Weisheit, wenn auch in einer Zeit vor mehreren hundert Jahren. Wie zwei Freunde Feinde werden und er Sohn den Vater rächt.
Mit „Der Hauptmannstochter“ zeigt Puschkin, dass Russland mit dem Osten des Landes das hatte, was für Amerika der Wilde Westen war. Ein armer Adeliger schickt seinen Sohn zur militärischen Ausbildung in diese Gegend. Er erzählt dem Leser, wie das Leben in dieser Gegend „der Wilden“ ist.
In der letzten Erzählung nimmt Puschkin Bezug zum Stand und Status der Dichter in Russland. Er zeigt dies am Beispiel eines italienischen Dichters, der nach Sankt Petersburg kam, um hier als Dichter Geld zu verdienen.
Puschkin ist ein großartiger Geschichtenerzähler. Ein Vorteil für uns Leser des 21. Jahrhunderts; wir erfahren das Leben in Russland vor 200 Jahren.
(Hinterbrühl, 29.07.2010)
 
ZWEIG, Stefan: „Schachnovelle“ Frankfurt am Main 1990
Auf einer Reise mit dem Schiff nach Südamerika lernt der Erzähler den Schachweltmeister kennen. Er ist ein primitiver Bauernbub, der seinen Vater verloren hat und vom Pfarrer des Dorfes aufgezogen wurde. Er ist dumm und ungebildet. Durch Zufall kam er zum Schachspielen und entwickelte hier überdimensionales Talent. Der Erzähler sucht seinen Kontakt und es gelingt ihm ein Spiel mit den am Schiff Schachkundigen Passagieren zu veranstalten. Da tritt ein Mann auf den Plan, der den Meister schlägt. Er war im Hitlerregime eingesperrt. Durch Zufall kam er an ein Schachbuch und spielte in seiner Zelle. So kam er zu den Kenntnissen. Das Spiel bringt aber seine Erinnerungen hoch. Er wird wirr und verliert die zweite Partie. Er entschuldigt sich bei den Zusehern …
(Hinterbrühl, 24.07.2010)
 
NOLL, Ingrid: Der Hahn ist tot, Zürich 1993
Es ist das zweite Buch (nach „Die Häupter meiner Lieben“), das ich von Ingrid Noll lese. Es ist so trivial wie das erste. Normale Alltagsgeschichten. Beschreibungen deutscher Gesellschaften und dazwischen passieren Morde, die so unnatürlich wirken und ganz im Gegensatz zu den anderen Erzählungen stehen. Zwei nicht zusammen passende Puzzles. Sie ist eben eine „Erfolgsschriftstellerin“ und schreibt, was Leute gerne lesen. Auch bleibt sie immer ungeschoren übrig. Alle um sie sterben und sie als die wahre Schuldige überlebt.

(HInterbrühl, 20.07.2010)
 
TOLSTOI, Leo N: „Anna Karenina“, Düsseldorf Zürich 1996
Anna Karenina, die Frau die dem Roman den Titel gab, tritt erst nach hundert Seiten auf. Sie besucht ihren Bruder, der nach einem Seitensprung mit seiner Frau zerstritten ist. Sie bringt die beiden wieder zusammen und verliebt sich bei diesem Besuch in Moskau – sie selbst wohnt in Sankt Petersburg – in einen jungen Mann, der eigentlich der Schwägerin des Bruders einen Heiratsantrag machen wollte. Als Stepan – so heißt der Bruder Anna - sich bei seiner Frau für den Seitensprung mit dem Kindermädchen entschuldigen wollte und weinte sagte sie „Ihre Tränen sind – nichts als Wasser!“ (Seite 20) Die Liebe der verheirateten Frau mit dem Offizier wird zum gesellschaftlichen Gespräch. Ihr Mann lässt sich aber nicht scheiden und will die Etikette in der Öffentlichkeit halten.
Anna zieht mit ihrem Geliebten zusammen, ohne auf der einen Seite geschieden zu sein und ohne verheiratet zu sein. Mit dem Geliebten hat sie eine Tochter. Der Sohn bleibt beim getrennt lebenden Ehemann.
Tolstoi zeigt die Probleme der damaligen Gesellschaft und wie sie mit dieser Frau umgeht.
Die gesellschaftlichen Regeln besiegen aber die Liebe. Der Ehemann verweigert die Scheidung. Die Gesellschaft vermeidet den Umgang. Der Freund als Mann hat aber eine andere gesellschaftliche Position; er wird akzeptiert. So entfremdet er sich der Freundin Anna. Dies wird immer unglücklicher und stürzt sich letztendlich vor einen Zug. Sie hat sich mit dem eigenen Leben an der Gesellschaft gerächt. Der Freund zieht in den Krieg auf Seiten der Serben gegen die Türken. Sein Leben hat keinen Stellenwert mehr.
Zwischen den Beziehungsgeschichten in der aristokratischen Gesellschaft Russlands behandelt Tolstoi auch die politischen und wirtschaftlichen Probleme. In Diskussionen zwischen benachbarten Gutsverwaltern werden die Ansichten über den Nachteil der Abschaffung von Leibeigenschaft der Bauern und die Vorteile eines kommunistischen Systems diskutiert. In praktischen Beispielen, wie einer Rast in einem Bauernhof werden auch Vorteile von neuer Landwirtschaft durch die Bauern als Besitzer von Land und Gut gezeigt. Eine aktuelle Situation dieser Zeit.
„Das Frühjahr ist die Zeit der Pläne und Entwürfe. Und wie ein Baum im Frühling noch nicht ahnt, wie seine jungen Triebe und Zweige, eingeschlossen in schwellende Knospen , sich entfalten werden, so war auch er noch nicht klar darüber, welche Projekte er .. zuerst angreifen sollte.“ (Seite 188)
„Es war ein Zug ihres Charakters, bei allen Menschen von vornherein immer das Beste vorauszusetzen …“ (Seite 262
„So aber übte sie keine Anziehungskraft auf Männer aus. Sie erinnerte an eine schöne, welke Blume, die zwar ihren Duft, aber noch nicht ihre Blätter verloren hat.“ (Seite 263)
Tolstoi hat mir wieder bewiesen, welch hohe Qualität dies „Klassiker“ besitzen. Ein wahres Lesevergnügen. Qualität veraltet nicht!
(Moskau-St.Petersburg-Hinterbrühl-Prishtina, 14.07.2010)
 
MOZART, Wolfgang Amadeus: „Mozart privatissime. Das Schönste aus seinen Briefen“, Stuttgart 2006
Eine Sammlung von Briefen, die Mozart schrieb und die seine Intelligenz zeigte, auch wenn er selbst sagte, dass er nicht geeignet sei zu schreiben:
„Ich kann nicht poetisch schreiben; ich bin kein Dichter; ich kann die Redenarten nicht so künstlich einteilen, dass sie Schatten und Licht geben; ich bin kein Maler. Ich kann sogar durchs Deuten und Pantomime meine Gesinnungen und Gedanken nicht ausdrücken; ich bin kein Tänzer. Ich kann es aber durch Töne; ich bin ein Musikus.“ (Seite 2)
Briefe, die er an seine Frau, seine Eltern und Auftraggeber schreibt.
(Hinterbrühl, 10.07.2010)
 
NOLL, Ingrid: „Die Häupter meiner Lieben“, Zürich 1994
Eine Erfolgsautorin. Eine triviale Geschichte und trotzdem hört man nicht auf zu lesen. Sie führt in eine nicht real erscheinende Welt. Zwei Mittelschülerinnen, die sich wie um mehrere Jahrzehnte ältere Frauen benehmen und bewegen und die unglaubliche Dinge tun: einen alten Mann heiraten und ihn dann später ermorden; den Bruder mit einer Gaspistole umbringen usw. Eine unglaubliche Geschichte und trotzdem habe ich sie gelesen.
(Hinterbrühl, 18.06.2010)
 
KRAUSE, Michael: „Wie Nikola Tesla das 20. Jahrhundert erfand“, Weinheim 2010
Ein anderes Buch. Interessant – auch wenn es zeitlich schon länger zurück liegt – wie sich so ein genialer Mensch entwickelt hat; was er so erlebte; warum er der geworden ist, der er war.
Entscheidend oft schon das Verhalten als Kind. Neugierig. Wissensgierig….
Zum Politischen spricht er sich einfach aus: Er sei Serbe, der als Kroate lebte.
Diese Biografie gibt auch einen Überblick über die Entwicklung und die Pionierphase des elektrischen Stroms. Zwar steht Nikola Tesla immer im Mittelpunkt, aber man erlebt die ganze Fachszene.
Ein großartiger Entwickler, der sein ganzes Leben der Forschung gewidmet hat und doch verarmt – geistig und materiell – und alleine gestorben ist.
(Hinterbrühl, 10.06.2010)
 
ZWEIG, Stefan: „Joseph Fouché“, Frankfurt 1967
Ich lese dieses Buch zum zweiten Mal. 1967 hatte ich es mir gekauft. Das Taschenbuch ist über 40 Jahre alt und hat schon viele Flecken. Als Jugendlicher hat mich der hier beschrieben Mensch fasziniert. Ich hatte ihn auf meiner Maturaliste. Jetzt las ich ihn wieder und sah ihn anders. Zwar immer noch faszinierend. Ein Mann, der verschiedensten Parteien und Regierungen diente, der sich immer einen Weg offen ließ. Der arm war und nicht wusste, wie er seine Familie ernähren soll und dann wieder zum Millionär wurde. Ein ständiges Auf und Ab. Drei Mal musste er ins Exil und immer wieder kam er zurück zur Macht und zu Einfluss. In der Einsamkeit schöpfte er wieder neue Kräfte: „Erst der Rückschlag gibt dem Menschen seine volle vorstoßende Kraft.“ (Seite 68)
Napoleon etwas beschimpfte ihn vor versammelter Mannschaft und Foché blieb ruhig und hielt seine Etikette. Er hielt sich immer auf der Seite der Sieger und der Stärkeren. Er ließ sich immer eine Hintertür offen, um die Seiten wechseln zu können. So gelang es, einem König, der Revolution und Napoleon zu dienen.
Triumphierend seine dritte Polizeiministerstelle unter Napoleon, wo er der eigentliche Außenminister ist. Napoleon wird von den europäischen Regenten nicht mehr anerkannt. Man verhandelt aber mit Fouché.
Seine letzten Exile ließen ihn aber nicht mehr zurückkehren und mit der Macht war es vorbei. Er half noch dem Königshaus an die Macht zu kommen. Er verkaufte dies mit einem Ministerposten unter dem König, der sich aber schon nach einifer Zeit nicht mehr daran hielt und ihn entließ. Verbannt suchte er Zuflucht. Nur Prag blieb ihm. Dann die provinzielle österreichische Stadt Linz. Erst als er schon ein Sterbender war erlaubte ihm Metternich nach Triest zu übersiedeln, wo er mit seiner jungen aristokratischen Frau an der Seite starb.
Der geniale Schriftsteller Stefan Zweig aber ist es, der dieser schillernden Persönlichkeit seine Strahlkraft dem Leser widergibt. Beide zusammen ergeben dieses großartige Buch.
(Hinterbrühl, 25.05.2010)
 
SUTER, Martin: „Der Koch“, Zürich 2010
Das Buch eines Bestsellerautors wird ein Bestseller. Diesmal zusammengesetzt aus aktuellen Tagesmeldungen der letzten 2 Jahre und einem tamilischen Koch, der in der Schweiz schwarz arbeitet und mit dem verdienten Geld seine Familie zu Hause im Krieg versorgt. Er Koch sogenanntes „Liebesessen“. Eine ehemalige Kollegin – eine Kellnerin – vermarktet das. Sie kommen so mit wichtigen und reichen Leuten in Kontakt und auch mit jenen, die Waffen in die Kriegsgebiete liefern. An einem rächen sie sich: an einem Schweizer Waffenhändler und bringen ihn mit Pillen im Essen zum Sterben. Ein erfolgversprechendes Literaturrezept, das nicht sehr tief geht.
(Hinterbrühl, 17.05.2010)
 
SUTER, Martin: „Huber spannt aus und andere Geschichten aus der Business Class“, Zürich 2006
Kurzgeschichten, die Suter schon in einer Zeitung gebracht hat. Er beschreibt sehr treffend und humorvoll die Welt der Manager. Im letzten Satz jeder Geschichte liegt die Überraschung und meist die Trendwende des vorher geschriebenen.
„Seien wir ehrlich: Richtig zum Arbeiten kommt ein Entscheidungsträger wie Baumeler erst, wenn der Letzte gegangen ist. Wenn die Gänge still sind, die Bildschirme schwarz und im Vorzimmer von Frau Dorfmann nur noch das Parfum übriggeblieben ist.“ (Seite 93)

(Hinterbrühl, 12.05.2010)
 
JELLOUN, Tahar Ben: „Yemma. Meine Mutter, mein Kind“, Berlin 2009
Ein Grenzgänger zwischen Frankreich und seiner Geburtsheimat Marokko. So bringt er uns Europäern auch sein Heimatland nahe. Er erzählt über die Person seiner Mutter. Einer alten Frau, die im Sterben liegt und vor noch einmal das Leben abläuft. Die phantasierend nochmals alle Lebensabschnitte erlebt. So erzählt der Autor – quasi aus dem Mund der alten Frau – das Leben in Marokko. Über einen europäischen Freund und dessen alten Mutter schlägt er wieder die Brücke zur christlichen Welt und zeigt die Unterschiede. Menschliche Gefühle bleiben aber dieselben.
„Ich bettele um die Zeit, doch manchmal möchte ich diese von Gott gegebene Zeit nicht mehr haben.“ (Seite 81)
Die alte Frau trifft Menschen, die schon lange gestorben sind. Sie redet mit ihnen. Sie empfiehlt es auch ihren Kindern: „Er ist tot? Ach ja, stimmt, aber geh an sein Grab und sprich mit ihm. Man muss mit den Toten reden, denn sie leben in unseren Herzen weiter, das hat Gott gesagt, es steht im Koran.“ (Seite 163)
Mit jeder Seite des Lesens nähert man sich dem Tod der Mutter: „Seit langem bewegt sie sich auf den Punkt zu, an dem sie erlöscht. Sie sagte immer: „Der Tod ist ein Recht, ein Recht, das man weder aussiedeln noch ändern kann. Der Tod hat ein Anrecht auf uns, über uns, in uns, angelegt in unserer Geburt. Was bedeutet also das Sterben? Der Tod übt sein Recht über uns aus, und wir nehmen es schweigend hin.““ (Seite 198/199)
Dieses Buch ist auch eine Liebeserklärung des Sohnes an die Mutter. Ein richtiges Muttertagsbuch, auch wenn es in einem anderen Erdteil mit anderer Kultur spielt. Die Menschen sind Menschen. Gefühle sind in Afrika wie in Europa.
(Hinterbrühl, 08.05.2010)
 
WALSER, Martin: „Ein liebender Mann“, Hamburg 2009
Ein alter Mann verliebt sich in eine sehr junge Frau. Der Mann ist Goethe. Walser lässt die Geschichte des verliebten Alten in der Zeit Goethes spielen. Eine ausgezeichnete historische Aufarbeitung, ohne dass das zeitlose Prickeln der Liebe verloren ginge.
„Ihre Münder blieben einen Augenblick aneinander wie zwei Wesen, die noch nicht wissen, in welcher Sprache sie miteinander sprechen sollen.“ (Seite 90)
„Daran, dass man alt ist, stirbt man nicht. … Schlimm ist, nicht mehr lieben zu dürfen.“ (Seite 69)
Unter dem drückenden Schmerz der Liebe leidend sagt Goethe: „Die Seele ist doch auch ein Organ“ (Seite 256)
Liebende sehen im Anderen etwas Einzigartiges: „Du bist einzigartig. Mit deiner Einzigartigkeit beherrschst du mich. Tag und Nacht. Gibt es nicht tausend Mädchen, Frauen, so und so gewachsen, so und so lachend, gehend, tanzend, schauend. … Für mich ist keine einzigartig. Vielmehr bin ich der Einzige, der deine Einzigartigkeit erlebt.“
Der über 70-Jährige schreibt und redet wie ein junger Mann. Irgendwo lässt Walser ihm auch sagen, dass man das Alter eines Dichters erraten solle. Da würde man die Briefe, die Goethe an seine 19-Jährige Liebende schickt einem viel jüngeren Mann zuordnen.
Liebe hat also Nichts mit dem Alter zu tun?
(Prishtina, 01.05.2010)
 
SUTER, Martin: „Lila, Lila“, Zürich 2005
Ein Liebesroman. Nicht gerade meine Literatur, die ich lese. Diese Geschichte ist aber sehr geschickt und interessant gemacht; ich würde sagen komponiert. Der Autor beschreibt einen Autor, der gar keiner ist und als er bekannt wird tritt der wirkliche Schriftsteller des Erfolgsbuches auf. Kurz vor seinem Tod gibt er zu es auch nicht zu sein. Der Autor, der aber keiner ist, gewinnt durch das Manuskript seine Freundin, die er aber am Ende des Buches doch wieder verliert. Wirr? Nein. Spannend.
(Prishtina, 24.04.2010)
 
YOSHIMOTO, Banana: „Mein Körper weiß alles“, Zürich 2010
Eine, bei jungen Menschen beliebte junge japanische Schriftstellerin. Sie machte mich neugierig und ich kaufte dieses Buch. Es sind Kurzgeschichten. Dreizehn an der Zahl.
• Da erzählt sie von der sterbenden Großmutter, die Pflanzen liebte und sie nach ihrem Tod selbst Gärtnerin wird und eine Nachtbar des Vaters in ein Blumengeschäft ändert.
• Von der alkoholsüchtigen Mutter, die sich vom Vater getrennt hat und sie als Kind von ihr entführt wird.
• Von einem Tag am Meer mit einer Freundin, wo sie sich an ihre Jugend erinnert.
• Wie sie als Kind einem Streitgespräch der Eltern zuhört und es zu einer kurzzeitigen Trennung der Eltern kommt.
• Einem Mann in ihrer Firma, der keine Funktion hat, aber trotzdem kommt und bezahlt wird.
• Eine junge Frau mit einem Wimmerl auf der Brust, das sie sich weglasern lässt.
• Eine Frau deren erster Liebhaber ein verheirateter Mann ist. Nach zehn Jahren Verhältnis bekommt sie von der Frau des Geliebten einen Brief.
• Eine kleine Reisegruppe in Sizilien. Einer der Gruppe muss früher abreisen, weil seine Mutter gestorben ist. „Für den Verlust eines geliebten Menschen gibt es keine Worte. Liebe und Trauer sind heilige Dinge, unantastbar.“(Seite 139)
• Eine junge Frau muss beim Lösen ihres Reisepasses feststellen, dass sie nur ein Adoptivkind ist und ihre Eltern nicht – wie immer geglaubt – die leiblichen Eltern sind.
• In der letzten Geschichte ist eine Frau in ihrer Arbeit so intensiv beschäftigt, dass sie keine Zeit für einen Lebenspartner und Freund findet. Ihre beiden alternativen „Angebote“ sind ein zwölfjähriger Bub und ein Greis. Mit Zweiterem versucht sie es auch, deponiert aber dann bei einem Tempel den Wunsch einen normalen und gleichaltrigen Partner zu finden.
Triviale Geschichten, die aber sehr detailgetreu und lieb beschrieben sind. Detailgetreu sieht so aus: „Links und rechts des Wegs standen die Blumen in voller Blüte. Ein gelbes Meer mit ein paar rosaroten und weißen Tupfern drin. Die knorrigen Äste der Olivenbäume waren dicht mit silbrig-grün schimmernden Blättern belaubt. Von Licht überflutet, schenkten die Bäume und Blumen dem Himmel ihre ganze Farbenpracht.“ (Seite 134).
Das also ist es, was junge LeserInnen schätzen.
(Prishtina - Hinterbrühl, 10.04.2010)
 
ELLEGAST, Burkhard: „Der Weg des Raben“, Salzburg 2010
Der pensionierte Abt des Stiftes Melk gibt seine Lebensweisheiten – basierend auf den Regeln Benedikts – weiter. Teilweise trivial, teilweise schon zum Nachdenken.
Im Kapitel „Der ganze Mensch ist wesentlich“ gibt er sich als moderner Theologe und Denker aus und verurteilt das Negative und das Verdammen der Religion: „Immer wieder geistert in unserem christlichen Bewusstsein der Gedanke herum, dass der Mensch im Kampf gegen das Böse und für das Gute seinen Geist und seinen Körper züchtigen müsste, dass er seine bösen Gedanken und das Verlangen des Fleisches gefälligst zu unterdrücken hätte. … Wie diese verachtliche Haltung gegenüber Lust und Leidenschaft in das Christentum kam, kann man wohl historisch erklären. Kaum zu verstehen ist aber die Hartnäckigkeit, wie sich diese Gedanken trotz aller Gegenargumente einfach nicht vertreiben lassen.“ (Seite 91)
"Heute gibt man dieses Durchstehen oft viel zu früh auf und sucht sich sofort neue Ufer. Gerade in Zeiten wie diesen kann der Gedanke an Beständigkeit, Durchhalten und Treue Mut und Kraft geben, nicht vorschnell aufzugeben und es doch noch einmal ehrlich miteinander zu versuchen." (Seite 122) „So wird es auch nach einem langen gemeinsamen Weg nie langweilig werden, sondern spannend bleiben.“ (Seite 123)
Der pensionierte Abt bringt seine Lebenserfahrungen zu Papier.
„Das höchste Gut des Menschen ist seine Persönlichkeit, die es ein zweites Mal nicht gibt. Leider ist aber in unserer modernen Gesellschaft immer öfter zu beobachten,dass viele Menschen nur mehr ihre Eigenarten fördern und pflegen – was zur Folge hat, dass Gemeinschaftsfähigkeit ständig abnimmt und dem Leben in der Gemeinschaft kaum mehr Wert beigemessen wird.“ (Seite 101)
(Hinterbrühl, 05.04.2010)
 

 

Meine liebsten Bücher sind:

MORUS, Thomas: „Utopia“

HUNDERTWASSER, Friedensreich: „Die Bibel“

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