Lebensreise

Alois BRANDSTETTER: Lebensreise. 2020.

Abstract

BRANDSTETTER, Alois: „Lebensreise“, Salzburg Wien 2020
Ich habe einen zweifachen Bezug zu Alois Brandtstetter:
• Er war an der Universität Klagenfurt der Chef meines Bruders
und
• ich hatte ihn zwei Mal zu einer Lesung in meiner Heimatgemeinde, wo ich Kulturveranstaltungen organisierte.
Der anerkannte Dichter Alois Brandstetter ist 80 Jahre alt und blickt auf sein Leben zurück. Anekdoten und Erzählung aus Kindheit und Jugend aus seinem oberösterreichischen Geburtsort und Betrachtungen des weiteren Lebens. Den Rahmen gibt er der Erzählung mit einer Reise auf den Spuren seines Namenspatrons Aloysius.
Ältere Menschen sind oft mehr vergangenheits- als zukunftsorientiert. Sie erzählen gerne aus „der guten alten Zeit“. So auch der Autor, der seinen achtzigsten Geburtstag hinter sich hatte, als er das Buch schrieb. Auch der Titel „Lebensreise“ sagt schon, dass es eine Rückschau seines Lebens ist. Es sind aneinandergereihte Eindrücke und Erzählungen. Teilweise wirken sie chaotisch und nicht zusammengehörig. Aber mit seinem Namenspatron, dem heiligen Aloisius, bringt er wieder Systematik hinein. Oft sind diese Übergänge aber lange Eselsbrücken.
Die heutige Generation ist Google-orientiert. Das heißt es wird nur das nachgeschaut, was man gerade fragen will. Aktiv kommt keine Information aus Google heraus. Dieser Erzählband ist aber wirklich ein erzählendes Werk und man erfährt Dinge, nach denen man nicht gefragt hätte.
Brandstetter ist ein bekennender Katholik und viele seiner Erzählungen haben einen religiösen Hintergrund.
• Über die Linkskatholiken meinte er, der konservative Autor, dass sie „oft mehr links als katholisch sind.“ (Seite 21)
• Was mir bisher noch nicht aufgefallen ist berichtet Brandstetter: „in vielen katholischen Kirchen in Österreich hat die Kirchenleitung etwa den Orthodoxen – den Griechisch-orthodoxen, den Serbisch-orthodoxen oder Russisch-orthodoxen – Benützungsrechte eingeräumt.“ (Seite 53)
• Er klärt auch auf, dass katholische Priester bei der Wandlung anstelle von vergorenem Wein, auch Traubensaft verwenden können. Ich kenne zwar keinen Priester, der damit die Messe liest, aber es war interessant zu hören (zu lesen).
• Dass der Erzbischof von Paris – Jean-Marie Lustiger – von dem ich während meines Paris-Aufenthalts viele Abendmessen erlebt habe, Jude war und zum katholischen Glauben konvertierte, erfuhr ich hier.
• Mein Bruder war Mönch im Benediktinerstift Sankt Paul und so habe ich die Holzschnitte des Mönchs Lobisser kennengelernt. Brandstetter ergänzt dies für mich: „In Sankt Paul war es dann ein hübsches Mädchen, das er portraitierte und auch als Modell in vielen Genrebildern verewigte, mit dem er auch in einer Expositur, einem Atelier des Stiftes, lebte, bis er sie nach seinem Austritt aus dem Orden heiratete.“ (Seite 213) Beim Lobissers-Fall meint er auch „Es gibt wohl doch auch im Falschen das Richtige?“
• Die aktuelle Situation der Kirche bringt er mit seiner Heimatgemeinde: „60 Prozent der Katholiken in Pichl besuchten laut einer Besucherzählung damals, in meiner Jugend, den Gottesdienst, heute sind es angeblich nur noch 5 Prozent.“ (Seite 382)
Auch so manche Formulierung bringt den Leser zum Schmunzeln:
• „Und über die Metaphysiker dachte Kant, sie seien Denker, die Ochsen melken und ein Sieb darunter halten!“ (Seite 9)
• Über Kaiser Maximilian berichtet er, dass dieser testamentarisch festgelegt hatte, dass er nach seinem Tod geschoren werden soll, dass ihm die Zähne gebrochen werden sollen und dass er in seinem Sarg mit Asche und Kalk überschüttet werden soll. Das entspräche dem Sprichwort „in Sack und Asche Buße tun“.
• Wenn man den Namen „München“ ausspricht denkt man wenig an den Hintergrund. Brandstetter nennt ihn: er kommt von „bei den Mönchen“.
Immer wieder kommt auch der Pädagoge und der Germanist durch, wenn er etwa erklärt, dass das griechische Wort Sarkophag eigentlich „Fleischfresser heißt. Die Leichen werden aufgefressen.
Viel Schrulliges wird auch geschildert. Den Abfall König Heinrichs VIII. von Rom vergleicht er mit dem heutigen BREXIT, dem Austritt Englands aus der Europäischen Union.
Seine Beziehungen zu vielen österreichischen Dichterkollegen unterlegt er auch mit lustigen Informationen, wie etwa, dass Marlen Haushofer in einem Jahr 286 Fehlstunden in der Schule hatte.
„Martin Walser hat den Schriftsteller als einen Menschen definiert, der unzufrieden ist und dem „etwas fehlt.““ (Seite 188) – Brandstetter ist ein Schriftsteller.
Der Kreis der Erzählung kommt immer wieder zu Aloysius, dem Heiligen, zurück, endet aber mit der, im Jahr 2020 ausgebrochenen COVID19 Pandemie. Auch das sehr persönlich: er besuchte ein chinesisches Restaurant. Dieses war leer. Er war der einzige Gast. Später erfuhr er, dass es wegen COVID19 gemieden wurde. Er wartete ängstlich zwei Wochen, ob er sich angesteckt habe…

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    Der anerkannte Dichter Alois Brandstetter ist 80 Jahre alt und blickt auf sein Leben zurück. Anekdoten und Erzählung aus Kindheit und Jugend aus seinem oberösterreichischen Geburtsort und Betrachtungen des weiteren Lebens. Den Rahmen gibt er der Erzählung mit einer Reise auf den Spuren seines Namenspatrons Aloysius.
    Ältere Menschen sind oft mehr vergangenheits- als zukunftsorientiert. Sie erzählen gerne aus „der guten alten Zeit“. So auch der Autor, der seinen achtzigsten Geburtstag hinter sich hatte, als er das Buch schrieb. Auch der Titel „Lebensreise“ sagt schon, dass es eine Rückschau seines Lebens ist. Es sind aneinandergereihte Eindrücke und Erzählungen. Teilweise wirken sie chaotisch und nicht zusammengehörig. Aber mit seinem Namenspatron, dem heiligen Aloisius, bringt er wieder Systematik hinein. Oft sind diese Übergänge aber lange Eselsbrücken. 
    Die heutige Generation ist Google-orientiert. Das heißt es wird nur das nachgeschaut, was man gerade fragen will. Aktiv kommt keine Information aus Google heraus. Dieser Erzählband ist aber wirklich ein erzählendes Werk und man erfährt Dinge, nach denen man nicht gefragt hätte. 
    Brandstetter ist ein bekennender Katholik und viele seiner Erzählungen haben einen religiösen Hintergrund. 
    •	Über die Linkskatholiken meinte er, der konservative Autor, dass sie „oft mehr links als katholisch sind.“ (Seite 21)
    •	Was mir bisher noch nicht aufgefallen ist berichtet Brandstetter: „in vielen katholischen Kirchen in Österreich hat die Kirchenleitung etwa den Orthodoxen – den Griechisch-orthodoxen, den Serbisch-orthodoxen oder Russisch-orthodoxen – Benützungsrechte eingeräumt.“ (Seite 53)
    •	Er klärt auch auf, dass katholische Priester bei der Wandlung anstelle von vergorenem Wein, auch Traubensaft verwenden können. Ich kenne zwar keinen Priester, der damit die Messe liest, aber es war interessant zu hören (zu lesen). 
    •	Dass der Erzbischof von Paris – Jean-Marie Lustiger – von dem ich während meines Paris-Aufenthalts viele Abendmessen erlebt habe, Jude war und zum katholischen Glauben konvertierte, erfuhr ich hier.
    •	Mein Bruder war Mönch im Benediktinerstift Sankt Paul und so habe ich die Holzschnitte des Mönchs Lobisser kennengelernt. Brandstetter ergänzt dies für mich: „In Sankt Paul war es dann ein hübsches Mädchen, das er portraitierte und auch als Modell in vielen Genrebildern verewigte, mit dem er auch in einer Expositur, einem Atelier des Stiftes, lebte, bis er sie nach seinem Austritt aus dem Orden heiratete.“ (Seite 213) Beim Lobissers-Fall meint er auch „Es gibt wohl doch auch im Falschen das Richtige?“
    •	Die aktuelle Situation der Kirche bringt er mit seiner Heimatgemeinde: „60 Prozent der Katholiken in Pichl besuchten laut einer Besucherzählung damals, in meiner Jugend, den Gottesdienst, heute sind es angeblich nur noch 5 Prozent.“ (Seite 382)
    Auch so manche Formulierung bringt den Leser zum Schmunzeln:
    •	„Und über die Metaphysiker dachte Kant, sie seien Denker, die Ochsen melken und ein Sieb darunter halten!“ (Seite 9)
    •	Über Kaiser Maximilian berichtet er, dass dieser testamentarisch festgelegt hatte, dass er nach seinem Tod geschoren werden soll, dass ihm die Zähne gebrochen werden sollen und dass er in seinem Sarg mit Asche und Kalk überschüttet werden soll. Das entspräche dem Sprichwort „in Sack und Asche Buße tun“.
    •	Wenn man den Namen „München“ ausspricht denkt man wenig an den Hintergrund. Brandstetter nennt ihn: er kommt von „bei den Mönchen“.
    Immer wieder kommt auch der Pädagoge und der Germanist durch, wenn er etwa erklärt, dass das griechische Wort Sarkophag eigentlich „Fleischfresser heißt. Die Leichen werden aufgefressen.
    Viel Schrulliges wird auch geschildert. Den Abfall König Heinrichs VIII. von Rom vergleicht er mit dem heutigen BREXIT, dem Austritt Englands aus der Europäischen Union. 
    Seine Beziehungen zu vielen österreichischen Dichterkollegen unterlegt er auch mit lustigen Informationen, wie etwa, dass Marlen Haushofer in einem Jahr 286 Fehlstunden in der Schule hatte. 
    „Martin Walser hat den Schriftsteller als einen Menschen definiert, der unzufrieden ist und dem „etwas fehlt.““ (Seite 188) – Brandstetter ist ein Schriftsteller. 
    Der Kreis der Erzählung kommt immer wieder zu Aloysius, dem Heiligen, zurück, endet aber mit der, im Jahr 2020 ausgebrochenen COVID19 Pandemie. Auch das sehr persönlich: er besuchte ein chinesisches Restaurant. Dieses war leer. Er war der einzige Gast. Später erfuhr er, dass es wegen COVID19 gemieden wurde. Er wartete ängstlich zwei Wochen, ob er sich angesteckt habe…
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