Liebesfluchten

SCHLINK, Bernhard (2019): Liebesfluchten. 2019.

Abstract

SCHLINK, Bernhard: „Liebesfluchten“, Zürich 2001
Sieben Geschichten, die entweder mit Flucht aus der Liebe oder in die Liebe handeln.
„Das Mädchen mit der Eidechse“ – Das Bild zeigt ein Mädchen mit einer Eidechse. Als es der kleine Bub für eine Bildbeschreibung für die Schule verwenden will bringt ihn der Vater davon ab. Das Bild verfolgt ihn sein ganzes Leben. Er nimmt es in seine Studentenwohnung mit. Er forscht nach und muss feststellen, wie sein Vater im Hitlerregime als Richter agiert hat. Wie er Menschen an den Galgen und ins Gefängnis gebracht hat, nur weil sie Juden waren. Ob er sich mit dem Bild dieses jüdischen bekannten Malers bereichert hat? Das Bild und seine Geschichte belasten ihn. Er kann sich von diesem Bann erst befreien, als der das Bild verbrannte.
„Der Seitensprung“ – Schlink verwendet das Wort „Liebesfluchten“ anders als man es als Leser erwartet. In dieser Geschichte gibt es zwar einen Seitensprung, aber seine Entstehung und seine Durchführung ist anders als es normal ein Seitensprung ist. Primär geht es um Menschen, die in Ost- und Westdeutschland leben. Ein junger Jurist fährt öfter von West- nach Ost-Berlin und freundet sich dabei mit einem Schachspieler an. Er wird auch eingeladen und lernt die Verhältnisse kennen. Nach dem Fall der Mauer übersiedelt die Familie in den Westen und wird reich und gut situiert. Der Kontakt bleibt bestehen. Bei einem der Besuche des Juristen wurde es spät und er nächtigte bei den Freunden, weil auch viel getrunken wurde. Das Ehepaar stritt im Nebenzimmer. Plötzlich kam die Frau ins Bett des Juristen und verführte ihn. Es war ihm peinlich. War es doch die Frau des Freundes. Als sie zu ihrem Mann zurückgekehrt war ging der Streit weiter und wurde heftiger. Letztlich kam heraus, dass der Ehemann für die ostdeutsche Geheimpolizei gearbeitet hatte und seine Frau und auch den Freund verraten hatte. Er hatte einen „politischen Seitensprung“ gemacht. Die Frau revanchierte sich mit einem „sexuellen Seitensprung“.
„Der Andere“ – Die Frau ist gestorben. Er hatte sie geliebt und am Schluss – bis zu ihrem Tod – gepflegt. Eines Tages kam ein Brief an sie. Sie, die gestorben war bekam einen Brief von einem ehemaligen Liebhaber. Er wird eifersüchtig. Er forscht nach und bricht ein Geheimfach im Schreibtisch seiner Frau auf, wo er Liebesbriefe findet. Er beantwortet den letzten Brief und beginnt eine Korrespondenz mit „dem Anderen“. Er tut so, als würde die Frau noch leben. Von der Tochter, die der Mutter am nächsten stand konnte er Nichts in Erfahrung bringen. Sie war und ist ihrem Vater gegenüber abweisend. So fährt er in die Stadt des „Anderen“. Lauert ihm auf. Trifft ihn anonym im Café. Spielt mit ihm Schach. Kommt ihm näher. Parallel schreibt er weiter Briefe und vereinbart ein Treffen. Der „Andere“ will ein Fest zu Ehren seiner Freundin ausrichten. Er hat zu wenig Geld und pumpt den Mann der Freundin – den er aber nicht als solchen erkannt hat – an. Vor dem Fest reist er aber ab. Der „Andere“ entpuppte sich als Hochstapler. Wieder zu Hause ist er unzufrieden und fährt dann doch zum Fest. Ein Fest, das mit seinem Geld ausgerichtet wurde. Der „Andere“ ist ein gewandter Hochstapler. Er hält eine wunderbare Rede auf seine verstorbene Frau. So kann er letztlich zufrieden am Morgen mit dem ersten Zug heimfahren. Er hatte seinen Frieden gefunden.
„Zuckererbsen“ – Eine berührende Geschichte. Ein erfolgreicher Architekt führt drei Parallelleben. Einerseits mit seiner Frau, mit der er die klassische Familie mit Kindern in Berlin hat. Sie war ursprünglich seine Mitarbeiterin und er beteiligte sie an seinem Architekturbüro und letztlich heirateten sie. Als ihm das reine Ingenieurwesen, wo er Dachausbauten und Brücken baute, zu langweilig wurde wendete er sich seinem Hobby, dem Malen zu. Auch da wurde er erfolgreich und eine erste Ausstellung fand in Hamburg statt. Letztlich entsteht mit der Galeristin ein Verhältnis und sie bekommt ein Kind von ihm. Mit ihr führt er eine Parallelehe. Dem noch nicht genug beginnt er mit einer Zahnmedizinstudentin ein Verhältnis und lebt zeitweise auch mit der zusammen. Der Stress wird unerträglich groß und er bricht aus. Kauft sich eine Mönchkutte, schmeißt sein nobles Gewand weg und lebt auf Reisen in Klöstern und einfachen Unterkünften. Er fand wieder zu sich selbst. Vor einer Zugfahrt in Italien verfing sich seine Kutte in der Tür des abfahrenden Zuges. Er wurde mitgerissen und blieb schwer verletzt am Bahngleis liegen. Nach langem Krankenhausaufenthalt und Operationen kommt er in ein Rehabilitationsheim nach Deutschland zurück. Er weiß nicht wer dies organisiert hatte. Letztlich wird er nach Monaten entlassen und man bringt ihn in seine Wohnung. Die inzwischen fertige Zahnärztin chauffiert ihn. Seine Wohnung ist behindertengerecht umgebaut – er ist ja zum Rollstuhlfahrer geworden. In der Wohnung erwarten ihn die anderen beiden Frauen: die Ehefrau und die Galeristin. Sie haben ihn inzwischen enteignet und haben eine eigene Firma gegründet, in der sie seine Arbeiten vermarkten. Die drei Frauen revanchieren sich. Er ist praktisch ihr Gefangener und Sklave.
„Die Beschneidung“ – In dieser Erzählung werden die Probleme bei Partnerschaften, die aus unterschiedlichen Kulturen und Religionen zusammengesetzt sind aufgezeigt. Ein deutscher Student verliebt sich in New York in eine junge jüdische Frau. Er wird in die Familie der Freundin eingeführt und bekommt sein Deutschtum und die im Naziregime durchgeführten Judenverfolgungen vorgehalten. Letztlich fährt er mit seiner Freundin nach Hause und zeigt ihr seine Heimat Deutschland. Sie aber sieht in vielem die Handlungsweise der Nazis. Dass Deutschland nach dem Krieg alles wieder aufgebaut hat sieht die junge Frau negativ: „Warum muss alles schon morgen fertig werden und aussehen, als hätte die Stadt keine Geschichte? Als hätte sie keine Wunden und Narben? Warum muss auch noch gleich der Holocaust unter einem Denkmal entsorgt werden?“ (Seite 229)
Die Liebe kittet. Der junge Mann lässt sich sogar beschneiden, um so seiner Freundin näher zu sein. Aber alles hilft nicht. Die Unterschiede sind zu groß und er verlässt sie trotz Liebe.
Schlink beschäftigt sich hier mit dem heiklen Thema des Verhältnisses der Juden zu den Deutschen. Wie jüdische Amerikaner einen jungen Deutschen, der schon in der zweiten Generation nach dem Krieg lebt Schuldzuweisungen für das Hitlerregime geben. So meint die Freundin etwa „Was du mit dem Holocaust zu tun hast? Du bist Deutscher, das hast du mit dem Holocaust zu tun.“ (Seite 241)
„Der Sohn“ – Zwei internationale Beobachter aus Kanada und Deutschland besuchen ein, im Bürgerkrieg befindliches Land. Sie fahren mit Militärbegleitung in eine entlegene Provinz und werden von Rebellen angegriffen. Die Hauptfigur der Geschichte ist der Deutsche. Er denkt in diesen brenzlichen Minuten an seinen Sohn, um den er sich zu wenig gekümmert hat. Bedingt durch Beruf und Scheidung. Vor der Abreise in die Provinz telefoniert er noch aus der Hauptstadt mit dem Sohn, der Arzt in einem Krankenhaus ist. Er wird aus seiner Arbeit gerissen und ans Telefon geholt. Der Vater sagt ihm nur, dass er ihn liebt. Eine wichtige Aussage, weil er einen Tag später beim Angriff der Rebellen stirbt.
„Die Frau an der Tankstelle“ – Der Protagonist träumt von einer Frau an einer Tankstelle, bei der er bleibt und sie verführt. Im realen Leben führt er schon eine lange Ehe. Er war in seine Frau sehr verliebt. Die Liebe verlor aber im Laufe der Jahre an Intensität. Das Paar versucht einen neuen Anfang. Die Kinder sind flügge und sie buchen eine längere Amerikareise. Bei einer Tankstelle kommt sein Traum zur Wirklichkeit. Hier beschließt er nicht mehr weiterzufahren und steigt aus; lässt seine Frau alleine weiterfahren. In einem billigen Motel quartiert er sich ein und wartet ein Monat ob die Frau vielleicht doch zurückkehrt.

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    „Der Seitensprung“ – Schlink verwendet das Wort „Liebesfluchten“ anders als man es als Leser erwartet. In dieser Geschichte gibt es zwar einen Seitensprung, aber seine Entstehung und seine Durchführung ist anders als es normal ein Seitensprung ist. Primär geht es um Menschen, die in Ost- und Westdeutschland leben. Ein junger Jurist fährt öfter von West- nach Ost-Berlin und freundet sich dabei mit einem Schachspieler an. Er wird auch eingeladen und lernt die Verhältnisse kennen. Nach dem Fall der Mauer übersiedelt die Familie in den Westen und wird reich und gut situiert. Der Kontakt bleibt bestehen. Bei einem der Besuche des Juristen wurde es spät und er nächtigte bei den Freunden, weil auch viel getrunken wurde. Das Ehepaar stritt im Nebenzimmer. Plötzlich kam die Frau ins Bett des Juristen und verführte ihn. Es war ihm peinlich. War es doch die Frau des Freundes. Als sie zu ihrem Mann zurückgekehrt war ging der Streit weiter und wurde heftiger. Letztlich kam heraus, dass der Ehemann für die ostdeutsche Geheimpolizei gearbeitet hatte und seine Frau und auch den Freund verraten hatte. Er hatte einen „politischen Seitensprung“ gemacht. Die Frau revanchierte sich mit einem „sexuellen Seitensprung“.
    „Der Andere“ – Die Frau ist gestorben. Er hatte sie geliebt und am Schluss – bis zu ihrem Tod – gepflegt. Eines Tages kam ein Brief an sie. Sie, die gestorben war bekam einen Brief von einem ehemaligen Liebhaber. Er wird eifersüchtig. Er forscht nach und bricht ein Geheimfach im Schreibtisch seiner Frau auf, wo er Liebesbriefe findet. Er beantwortet den letzten Brief und beginnt eine Korrespondenz mit „dem Anderen“. Er tut so, als würde die Frau noch leben. Von der Tochter, die der Mutter am nächsten stand konnte er Nichts in Erfahrung bringen. Sie war und ist ihrem Vater gegenüber abweisend. So fährt er in die Stadt des „Anderen“. Lauert ihm auf. Trifft ihn anonym im Café. Spielt mit ihm Schach. Kommt ihm näher. Parallel schreibt er weiter Briefe und vereinbart ein Treffen. Der „Andere“ will ein Fest zu Ehren seiner Freundin ausrichten. Er hat zu wenig Geld und pumpt den Mann der Freundin – den er aber nicht als solchen erkannt hat – an. Vor dem Fest reist er aber ab. Der „Andere“ entpuppte sich als Hochstapler. Wieder zu Hause ist er unzufrieden und fährt dann doch zum Fest. Ein Fest, das mit seinem Geld ausgerichtet wurde. Der „Andere“ ist ein gewandter Hochstapler. Er hält eine wunderbare Rede auf seine verstorbene Frau. So kann er letztlich zufrieden am Morgen mit dem ersten Zug heimfahren. Er hatte seinen Frieden gefunden.
    „Zuckererbsen“ – Eine berührende Geschichte. Ein erfolgreicher Architekt führt drei Parallelleben. Einerseits mit seiner Frau, mit der er die klassische Familie mit Kindern in Berlin hat. Sie war ursprünglich seine Mitarbeiterin und er beteiligte sie an seinem Architekturbüro und letztlich heirateten sie. Als ihm das reine Ingenieurwesen, wo er Dachausbauten und Brücken baute, zu langweilig wurde wendete er sich seinem Hobby, dem Malen zu. Auch da wurde er erfolgreich und eine erste Ausstellung fand in Hamburg statt. Letztlich entsteht mit der Galeristin ein Verhältnis und sie bekommt ein Kind von ihm. Mit ihr führt er eine Parallelehe. Dem noch nicht genug beginnt er mit einer Zahnmedizinstudentin ein Verhältnis und lebt zeitweise auch mit der zusammen. Der Stress wird unerträglich groß und er bricht aus. Kauft sich eine Mönchkutte, schmeißt sein nobles Gewand weg und lebt auf Reisen in Klöstern und einfachen Unterkünften. Er fand wieder zu sich selbst. Vor einer Zugfahrt in Italien verfing sich seine Kutte in der Tür des abfahrenden Zuges. Er wurde mitgerissen und blieb schwer verletzt am Bahngleis liegen. Nach langem Krankenhausaufenthalt und Operationen kommt er in ein Rehabilitationsheim nach Deutschland zurück. Er weiß nicht wer dies organisiert hatte. Letztlich wird er nach Monaten entlassen und man bringt ihn in seine Wohnung. Die inzwischen fertige Zahnärztin chauffiert ihn. Seine Wohnung ist behindertengerecht umgebaut – er ist ja zum Rollstuhlfahrer geworden. In der Wohnung erwarten ihn die anderen beiden Frauen: die Ehefrau und die Galeristin. Sie haben ihn inzwischen enteignet und haben eine eigene Firma gegründet, in der sie seine Arbeiten vermarkten. Die drei Frauen revanchieren sich. Er ist praktisch ihr Gefangener und Sklave. 
    „Die Beschneidung“ – In dieser Erzählung werden die Probleme bei Partnerschaften, die aus unterschiedlichen Kulturen und Religionen zusammengesetzt sind aufgezeigt. Ein deutscher Student verliebt sich in New York in eine junge jüdische Frau. Er wird in die Familie der Freundin eingeführt und bekommt sein Deutschtum und die im Naziregime durchgeführten Judenverfolgungen vorgehalten. Letztlich fährt er mit seiner Freundin nach Hause und zeigt ihr seine Heimat Deutschland. Sie aber sieht in vielem die Handlungsweise der Nazis. Dass Deutschland nach dem Krieg alles wieder aufgebaut hat sieht die junge Frau negativ: „Warum muss alles schon morgen fertig werden und aussehen, als hätte die Stadt keine Geschichte? Als hätte sie keine Wunden und Narben? Warum muss auch noch gleich der Holocaust unter einem Denkmal entsorgt werden?“ (Seite 229)
    Die Liebe kittet. Der junge Mann lässt sich sogar beschneiden, um so seiner Freundin näher zu sein. Aber alles hilft nicht. Die Unterschiede sind zu groß und er verlässt sie trotz Liebe.
    Schlink beschäftigt sich hier mit dem heiklen Thema des Verhältnisses der Juden zu den Deutschen. Wie jüdische Amerikaner einen jungen Deutschen, der schon in der zweiten Generation nach dem Krieg lebt Schuldzuweisungen für das Hitlerregime geben. So meint die Freundin etwa „Was du mit dem Holocaust zu tun hast? Du bist Deutscher, das hast du mit dem Holocaust zu tun.“ (Seite 241) 
    „Der Sohn“ – Zwei internationale Beobachter aus Kanada und Deutschland besuchen ein, im Bürgerkrieg befindliches Land. Sie fahren mit Militärbegleitung in eine entlegene Provinz und werden von Rebellen angegriffen. Die Hauptfigur der Geschichte ist der Deutsche. Er denkt in diesen brenzlichen Minuten an seinen Sohn, um den er sich zu wenig gekümmert hat. Bedingt durch Beruf und Scheidung. Vor der Abreise in die Provinz telefoniert er noch aus der Hauptstadt mit dem Sohn, der Arzt in einem Krankenhaus ist. Er wird aus seiner Arbeit gerissen und ans Telefon geholt. Der Vater sagt ihm nur, dass er ihn liebt. Eine wichtige Aussage, weil er einen Tag später beim Angriff der Rebellen stirbt.
    „Die Frau an der Tankstelle“ – Der Protagonist träumt von einer Frau an einer Tankstelle, bei der er bleibt und sie verführt. Im realen Leben führt er schon eine lange Ehe. Er war in seine Frau sehr verliebt. Die Liebe verlor aber im Laufe der Jahre an Intensität. Das Paar versucht einen neuen Anfang. Die Kinder sind flügge und sie buchen eine längere Amerikareise. Bei einer Tankstelle kommt sein Traum zur Wirklichkeit. Hier beschließt er nicht mehr weiterzufahren und steigt aus; lässt seine Frau alleine weiterfahren. In einem billigen Motel quartiert er sich ein und wartet ein Monat ob die Frau vielleicht doch zurückkehrt.
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