Sara und Serafina

KARAHASAN Dzevad (2019): Sara und Serafina. 2019.

Abstract

KARAHASAN, Dzevad: „Sara und Serafina“, Berlin 2000
Die Geschichte spielt in der Zeit der Belagerung Sarajevos und schildert die Lage der Einwohner zu dieser Zeit. Es geht um die Auswanderung eines Liebespaars aus dem Ghetto Sarajevos nach Kroatien. Die Erzählung rankt sich um einen Mann, einem Hochschullehrer, der vielleicht der Autor selbst ist. Karahasan schildert in sehr schöner Sprache die Ereignisse, die mit vielen Details geschmückt sind. Man wird mit Eigenschaften und Gepflogenheiten Sarajevos während des Krieges vertraut gemacht. Etwa, was ein „Dundjer“ ist: ein „Meister“, der alles reparieren kann und für alle Geräte Ersatzteile lagernd hat. Ein „Kuferalsi“ ist ein Koffermensch; Leute die für einen Job in die Stadt ziehen und etwas aufbauen, um dann wieder weiter zu ziehen. Beim Lesen erfährt man auch, dass Brot für Bosnier sehr wichtig ist. „Demnach behaupte er, ein echter Bosnier zu sein, weil für einen Bosnier das Gefühl satt zu sein, unzertrennlich mit Brot verbunden sei.“ (Seite 151) Der Proponent erzählt von einem Studienaufenthalt in Deutschland, wo es zum Essen kein Brot gab und er daher nie satt wurde.
Die handelnden Personen der Geschichte werden dem Leser durch sehr detailgenaue Beschreibung nähergebracht. Wie etwa die Mutter der auswandernden Tochter: „Schon nach drei Minuten wusste ich, dass Sara zu den mutigen Leuten gehörte, die nichts verbergen können, oder mehr noch zu den seltenen, die etwas zu geben haben und gerne geben, sie geben alles Erdenkliche preis, sogar die eigenen Geheimnisse und Ängste, weil sie nichts verschweigen können.“ (Seite 72) Dem Priester, der gefälschte Papiere zur Ausreise besorgt lässt er sagen: „Wenn du etwas tust oder gibst und dabei sündigst, bist du vielleicht ein Trottel, aber doch auch ein Mensch, wenn du hingegen unterlässt, wozu du berufen bist, dann bist du nicht nur ein Sünder, sondern ein Schuft.“ (Seite 115)
Obwohl sich das Thema um die Auswanderung eines Liebespaares legt wird doch die Mutter der jungen Frau zur zentralen Figur. Nach der Auswanderung der Tochter nach Kroatien zur Tante und dann weiter nach Neuseeland wird die alleingebliebene Mutter mit ihrer Lebenssituation nicht fertig. Zuerst baut sie in ihrer Schule, wo sie Lehrerin ist ein zentrales Versorgungszentrum für Wasser und Kleidung im Stadtviertel auf. Zwei Öfen lässt sie aufstellen, wo die Einwohner der Umgebung backen und kochen können. Sie steigert ihr soziales Engagement – letztlich wohnt sie auch in der Schule – bis zum Brief der Tochter, in dem diese mitteilt nach Neuseeland zu übersiedeln, was für sie als Mutter ein unerreichbarer Ort wird. Noch am Heimweg entscheidet sie sich, ihrem Leben ein Ende zu nehmen. Sie überlegt, wo sie sich am besten das Leben nehmen könne. Zu Hause? In der Schule? An einem öffentlichen Platz? „Sara hatte immer schon gewusst, dass der Tod ein Höhepunkt der Intimität war, ein Erlebnis und Ereignis, das man nur mit denen teilt, vor denen man nichts verbergen muss. Aber das gab es heute nicht mehr…“ (Seite 175) Deshalb entscheidet sie sich für die öffentliche Austragung und sie spaziert auf einen Platz, an dem Scharfschützen aus den Bergen die Menschen erschießen. Obwohl sie sich in deren Visier begibt wird sie nicht getötet. Sie scheint kein erstrebenswertes Ziel für diese Rebellen zu sein. Letztlich verhaftet sie die Polizei. Der mit der Hauptperson (der Dichter selbst?) befreundete Polizist holt ihn zu Hilfe. Er ist mit Sara, der festgenommenen Frau bekannt und als Hochschullehrer und Psychologe soll er helfen die Frau wieder zu normalisieren und zum Lebenswillen zurück zu bringen. In einem psychologischen Gespräch gelingt es dem Professor auch, die Frau zum Reden zu bringen und sie erklärt, dass eben zwei Menschen in ihr wohnen: Sara und Serafina. Mit Serafina hatte sie immer Probleme. Sie könne die zwei verschiedenen Naturen in ihr nicht vereinen. Der herbeigeholte Hochschullehrer kann sie nicht bekehren. Letztlich wird der Polizist selbst aktiv und fordert sie auf wieder einer Arbeit nachzugehen. Er bietet ihr an, für die 50 Polizisten der Station zu kochen, was sie annimmt und glücklich ist über die neue Herausforderung. Zufrieden verlässt sie die Polizeistation. Der Polizist und sein Freund freuen sich. Wenige Minuten später schlägt in der Nähe eine Granate ein. Sie eilen hinaus. „Direkt vor der Tür ... lag Saras kopfloser Körper. Ich weiß nicht, wo die Granate eingeschlagen hatte und wie es geschehen konnte, dass Kopf und Hals von einem fast unverletzten Körper abgerissen und einfach verschwunden waren, aber genau das war geschehen.“ (Seite 184)
Viele Gräuel sind in der Zeit passiert. Wie soll ein Volk wieder zu normalem Leben wieder zurückkehren? Wie sollen einst gegeneinander Kämpfende wieder friedlich zusammenleben? Für den Dichter gibt es kein VERGESSEN: „Man kann noch so viel Mühe und Geld investieren, man kann aus der ganzen Kultur eine Industrie des Vergessens machen, wie es heute geschieht, man kann versuchen, die Erinnerung gering zu schätzen oder zu löschen – ein Vergessen gibt es nicht. Alles, was einmal war, bleibt in Erinnerung. Ich weiß nicht wie und wo, aber irgendwo bleibt es.“ (Seite 30) Sehr schön dann auch der Vergleich zum Vergessen: „Ich bin sicher, dass ein Apfelbaum sich an sein vorjähriges Laub erinnert, jedes Blatt an jedem Zweig. All diese Blätter existieren weiter, und sei es als Mineralien oder als Feuchtigkeit, als Baumaterial für die diesjährigen Blätter oder als Früchte an einem anderen Baum, ich weiß nicht, in welcher Gestalt jetzt die vorjährigen und vorvorjährigen Blätter existieren, ich weiß es nicht, denn ich bin nur ein Mensch, aber ich weiß mit Sicherheit, dass sie existieren, denn ein Aufhören der Existenz ist logisch nicht möglich. Und das heißt, dass auch Vergessen nicht möglich ist, die Erinnerung ist ein Grundattribut des Daseins.“ (Seite 30)

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    Die handelnden Personen der Geschichte werden dem Leser durch sehr detailgenaue Beschreibung nähergebracht. Wie etwa die Mutter der auswandernden Tochter: „Schon nach drei Minuten wusste ich, dass Sara zu den mutigen Leuten gehörte, die nichts verbergen können, oder mehr noch zu den seltenen, die etwas zu geben haben und gerne geben, sie geben alles Erdenkliche preis, sogar die eigenen Geheimnisse und Ängste, weil sie nichts verschweigen können.“ (Seite 72) Dem Priester, der gefälschte Papiere zur Ausreise besorgt lässt er sagen: „Wenn du etwas tust oder gibst und dabei sündigst, bist du vielleicht ein Trottel, aber doch auch ein Mensch, wenn du hingegen unterlässt, wozu du berufen bist, dann bist du nicht nur ein Sünder, sondern ein Schuft.“ (Seite 115)
    Obwohl sich das Thema um die Auswanderung eines Liebespaares legt wird doch die Mutter der jungen Frau zur zentralen Figur. Nach der Auswanderung der Tochter nach Kroatien zur Tante und dann weiter nach Neuseeland wird die alleingebliebene Mutter mit ihrer Lebenssituation nicht fertig. Zuerst baut sie in ihrer Schule, wo sie Lehrerin ist ein zentrales Versorgungszentrum für Wasser und Kleidung im Stadtviertel auf. Zwei Öfen lässt sie aufstellen, wo die Einwohner der Umgebung backen und kochen können. Sie steigert ihr soziales Engagement – letztlich wohnt sie auch in der Schule – bis zum Brief der Tochter, in dem diese mitteilt nach Neuseeland zu übersiedeln, was für sie als Mutter ein unerreichbarer Ort wird. Noch am Heimweg entscheidet sie sich, ihrem Leben ein Ende zu nehmen. Sie überlegt, wo sie sich am besten das Leben nehmen könne. Zu Hause? In der Schule? An einem öffentlichen Platz? „Sara hatte immer schon gewusst, dass der Tod ein Höhepunkt der Intimität war, ein Erlebnis und Ereignis, das man nur mit denen teilt, vor denen man nichts verbergen muss. Aber das gab es heute nicht mehr…“ (Seite 175) Deshalb entscheidet sie sich für die öffentliche Austragung und sie spaziert auf einen Platz, an dem Scharfschützen aus den Bergen die Menschen erschießen. Obwohl sie sich in deren Visier begibt wird sie nicht getötet. Sie scheint kein erstrebenswertes Ziel für diese Rebellen zu sein. Letztlich verhaftet sie die Polizei. Der mit der Hauptperson (der Dichter selbst?) befreundete Polizist holt ihn zu Hilfe. Er ist mit Sara, der festgenommenen Frau bekannt und als Hochschullehrer und Psychologe soll er helfen die Frau wieder zu normalisieren und zum Lebenswillen zurück zu bringen. In einem psychologischen Gespräch gelingt es dem Professor auch, die Frau zum Reden zu bringen und sie erklärt, dass eben zwei Menschen in ihr wohnen: Sara und Serafina. Mit Serafina hatte sie immer Probleme. Sie könne die zwei verschiedenen Naturen in ihr nicht vereinen. Der herbeigeholte Hochschullehrer kann sie nicht bekehren. Letztlich wird der Polizist selbst aktiv und fordert sie auf wieder einer Arbeit nachzugehen. Er bietet ihr an, für die 50 Polizisten der Station zu kochen, was sie annimmt und glücklich ist über die neue Herausforderung. Zufrieden verlässt sie die Polizeistation. Der Polizist und sein Freund freuen sich. Wenige Minuten später schlägt in der Nähe eine Granate ein. Sie eilen hinaus. „Direkt vor der Tür ... lag Saras kopfloser Körper. Ich weiß nicht, wo die Granate eingeschlagen hatte und wie es geschehen konnte, dass Kopf und Hals von einem fast unverletzten Körper abgerissen und einfach verschwunden waren, aber genau das war geschehen.“ (Seite 184)
    Viele Gräuel sind in der Zeit passiert. Wie soll ein Volk wieder zu normalem Leben wieder zurückkehren? Wie sollen einst gegeneinander Kämpfende wieder friedlich zusammenleben? Für den Dichter gibt es kein VERGESSEN: „Man kann noch so viel Mühe und Geld investieren, man kann aus der ganzen Kultur eine Industrie des Vergessens machen, wie es heute geschieht, man kann versuchen, die Erinnerung gering zu schätzen oder zu löschen – ein Vergessen gibt es nicht. Alles, was einmal war, bleibt in Erinnerung. Ich weiß nicht wie und wo, aber irgendwo bleibt es.“ (Seite 30) Sehr schön dann auch der Vergleich zum Vergessen: „Ich bin sicher, dass ein Apfelbaum sich an sein vorjähriges Laub erinnert, jedes Blatt an jedem Zweig. All diese Blätter existieren weiter, und sei es als Mineralien oder als Feuchtigkeit, als Baumaterial für die diesjährigen Blätter oder als Früchte an einem anderen Baum, ich weiß nicht, in welcher Gestalt jetzt die vorjährigen und vorvorjährigen Blätter existieren, ich weiß es nicht, denn ich bin nur ein Mensch, aber ich weiß mit Sicherheit, dass sie existieren, denn ein Aufhören der Existenz ist logisch nicht möglich. Und das heißt, dass auch Vergessen nicht möglich ist, die Erinnerung ist ein Grundattribut des Daseins.“ (Seite 30)
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