Unrast

TOKARCZUK, Olga (2020): Unrast. 2020.

Abstract

TOKARCZUK, Olga: „Unrast“, Zürich 2019
„Unrast“ – treffender könnte der Titel gar nicht sein. Die Autorin liebt es zu reisen und in diesem Buch schreibt sie kurze, ganz kurze und längere Geschichten über ihre Reiseerlebnisse. Quasi ein geschriebenes Notizbuch.
Auf den ersten Seiten glaubt man beim Lesen noch – so wie es am Umschlag angekündigt ist – einen Roman vor sich zu haben. Zunehmend zerfällt aber diese Definition und es wird eine Aneinanderreihung von Geschichten. Manche Erzählungen finden dann erst nach mehreren anderen Stories eine Fortsetzung. In solchen Momenten fragt man sich als Leser, ob nicht weniger mehr gewesen wäre.
Auch ihrem Spezialgebiet, der Anatomie widmet sie viel Platz und Geschichten. „Mumifizierer“ kommen zu Wort. So gibt sie auch Briefe wieder, die die Tochter eines schwarzen Dieners von Kaiser Franz I. von Österreich geschrieben hatte. Ihr Vater wurde mumifiziert und in einem Museum ausgestellt. Sie bat den Kaiser um eine katholische Bestattung. „Auch der am niedrigsten gestellte Mensch hat das Recht auf eine Beerdigung, und stellst du nicht, indem du meinen Vater diese versagst, seine Menschlichkeit in Frage?“ (Seite 303)
Als Polin und neue Literatur-Nobelpreisträgerin zollt sie mit der Erzählung („Chopins Herz“), wie Chopins Herz von Paris nach Warschau kam ihrer Heimat Rechnung.
Aber auch moderne Themen greift sie auf und spricht vom „Netz-Staat“, der – bedingt durch Internet und Telekommunikation – keine Grenzen kennt.
Die etwas längeren Geschichten sind luftig geschrieben und angenehm zum Lesen. So etwa wird ein emeritierter Professor mit dem Schwerpunkt der griechischen Antike aus der Sicht seiner 20 Jahre jüngeren Frau beschrieben. Obwohl sie ihren über 80-jährigen immer noch ehrt und auch pflegt meint sie „Männer brauchen Frauen nötiger als Frauen Männer“ (Seite 423) und sie meinte damit nicht, dass ihr Mann sie als Pflegerin braucht. Ganz im Gegenteil: er hat das Gefühl, dass sie ihn braucht. Sehr einfühlsam wird nachgezeichnet, wie der alte Herr noch seine Vorträge meistert und dabei jung wird und um Anerkennung hascht. „Niemand hat uns gelehrt zu altern, dachte sie, wir wissen nicht, wie das ist. Wenn wir jung sind, kommt es uns so vor, als suche diese Krankheit nur andere heim. Wir selber jedoch meinen aus nicht ganz geklärten Gründen, dass wir immer jung bleiben werden. Die Alten behandeln wir, als wären sie selber schuld, als hätten sie sich ihre Beschwerden wie Diabetes oder Sklerose selber eingehandelt. Dabei fallen dieser Krankheit, dem Alter, doch die Unschuldigsten zum Opfer.“ (Seite 443/444) Diese Erzählung sei nur exemplarisch etwas detaillierter beschrieben um die Aussagekraft von Olga Tokarczuk hervorzuheben. Ein Schwerpunkt des Buches bleibt aber die Konservierung von Menschen und Tieren. Noch im vorletzten Kapitel wird sie hier detailliert, indem sie „Schritt für Schritt“ die Konservierung mit Polymeren beschreibt.
Als Leser würde ich mir von dem 457 Seiten starken Buch mehr Systematik erwarten und vielleicht die eine oder andere Geschichte ersparen wollen. Weniger wäre mehr und würde dem Ruf der Nobelpreisträgerin besser stehen.

    BibTeX (Download)

    @book{TOKARCZUK2020,
    title = {Unrast},
    author = {TOKARCZUK, Olga},
    year  = {2020},
    date = {2020-01-03},
    abstract = {TOKARCZUK, Olga: „Unrast“, Zürich 2019
    „Unrast“ – treffender könnte der Titel gar nicht sein. Die Autorin liebt es zu reisen und in diesem Buch schreibt sie kurze, ganz kurze und längere Geschichten über ihre Reiseerlebnisse. Quasi ein geschriebenes Notizbuch.
    Auf den ersten Seiten glaubt man beim Lesen noch – so wie es am Umschlag angekündigt ist – einen Roman vor sich zu haben. Zunehmend zerfällt aber diese Definition und es wird eine Aneinanderreihung von Geschichten. Manche Erzählungen finden dann erst nach mehreren anderen Stories eine Fortsetzung. In solchen Momenten fragt man sich als Leser, ob nicht weniger mehr gewesen wäre. 
    Auch ihrem Spezialgebiet, der Anatomie widmet sie viel Platz und Geschichten. „Mumifizierer“ kommen zu Wort. So gibt sie auch Briefe wieder, die die Tochter eines schwarzen Dieners von Kaiser Franz I. von Österreich geschrieben hatte. Ihr Vater wurde mumifiziert und in einem Museum ausgestellt. Sie bat den Kaiser um eine katholische Bestattung. „Auch der am niedrigsten gestellte Mensch hat das Recht auf eine Beerdigung, und stellst du nicht, indem du meinen Vater diese versagst, seine Menschlichkeit in Frage?“ (Seite 303)
    Als Polin und neue Literatur-Nobelpreisträgerin zollt sie mit der Erzählung („Chopins Herz“), wie Chopins Herz von Paris nach Warschau kam ihrer Heimat Rechnung. 
    Aber auch moderne Themen greift sie auf und spricht vom „Netz-Staat“, der – bedingt durch Internet und Telekommunikation – keine Grenzen kennt.
    Die etwas längeren Geschichten sind luftig geschrieben und angenehm zum Lesen. So etwa wird ein emeritierter Professor mit dem Schwerpunkt der griechischen Antike aus der Sicht seiner 20 Jahre jüngeren Frau beschrieben. Obwohl sie ihren über 80-jährigen immer noch ehrt und auch pflegt meint sie „Männer brauchen Frauen nötiger als Frauen Männer“ (Seite 423) und sie meinte damit nicht, dass ihr Mann sie als Pflegerin braucht. Ganz im Gegenteil: er hat das Gefühl, dass sie ihn braucht. Sehr einfühlsam wird nachgezeichnet, wie der alte Herr noch seine Vorträge meistert und dabei jung wird und um Anerkennung hascht. „Niemand hat uns gelehrt zu altern, dachte sie, wir wissen nicht, wie das ist. Wenn wir jung sind, kommt es uns so vor, als suche diese Krankheit nur andere heim. Wir selber jedoch meinen aus nicht ganz geklärten Gründen, dass wir immer jung bleiben werden. Die Alten behandeln wir, als wären sie selber schuld, als hätten sie sich ihre Beschwerden wie Diabetes oder Sklerose selber eingehandelt. Dabei fallen dieser Krankheit, dem Alter, doch die Unschuldigsten zum Opfer.“ (Seite 443/444) Diese Erzählung sei nur exemplarisch etwas detaillierter beschrieben um die Aussagekraft von Olga Tokarczuk hervorzuheben. Ein Schwerpunkt des Buches bleibt aber die Konservierung von Menschen und Tieren. Noch im vorletzten Kapitel wird sie hier detailliert, indem sie „Schritt für Schritt“ die Konservierung mit Polymeren beschreibt.
    Als Leser würde ich mir von dem 457 Seiten starken Buch mehr Systematik erwarten und vielleicht die eine oder andere Geschichte ersparen wollen. Weniger wäre mehr und würde dem Ruf der Nobelpreisträgerin besser stehen.
    },
    keywords = {Mumifizierung, Nobelpreisträgerin, Reisegeschichten},
    pubstate = {published},
    tppubtype = {book}
    }