Don Juan de la Mancha

MENASSE Robert: Don Juan de la Mancha. 2007.

Abstract

MENASSE, Robert: „Don Juan de la Mancha“, Frankfurt am Main 2007
Wenn ich in einem Buch eine tolle Passage, einen schönen Satz lese, dann will ich den – aus Genuss heraus – später wieder lesen. Um ihn wieder zu finden mache ich Eselsohren in diese Seiten. Gute Bücher – oder Bücher, die MIR gefallen haben – haben viele Eselsohren. Lange schon habe ich keine Eselsohren mehr vergeben. Endlich habe ich mit diesem Menassebuch wieder eines mit vielen umgebogenen Seiten.
Nach einigen Seiten kam aber ein Rückschlag. Ist es wieder so ein Vergangenheitsbewältigungsbuch eines Dichters wie Gerhard Roth mit seinem „Das Alphabet der Zeit“ oder Glavinic´s „Das bin doch ich“. Menasse fällt in denselben Trend, nur er bekennt es, indem er als „Zwischenfigur“ eine Psychotherapeutin einbaut, der er alles erzählt.
Positiv wurde ich erst wieder gestimmt, als die persönliche Vergangenheit des Dichters sich mit meinen Vergangenheitserlebnissen kreuzen. Das interessierte mich dann wieder. Was aber tut ein Leser, der eine andere Vergangenheit hat? Ihm geht es dann mit dem vorliegenden Buch so, wie mir mit den oben zitierten Büchern von Roth und Glavinic. Man müsste eigentlich vom Dichter Geld bekommen, wenn man es liest. Man wird als Leser zum Psychotherapeuten. So wie mir beim Roth Buch die Verwandten leid getan haben, wie sie in die Öffentlichkeit gezerrt wurden, taten mir die Frauen leid, mit denen Menasse anscheinend ein Verhältnis gehabt hat und dieses nun öffentlich beschreibt.
Nun einige Eselsohren-Passagen:
„Als ich jung war, war das Glück alt. In der Werbung gab es nur Alte. Alle möglichen Formen des Glücks wurden von graumelierten oder weißhaarigen Männern in der Reife ihrer Jahre beglaubigt, saubere Wäsche, aromatische Kaffees, heiterer Alkoholismus – „Das ist einen Asbach Uralt wert!“, sagte im Fernsehen der Schnaps trinkende Opa, der so vorbildlich glücklich war. Wie weit entfernt mir als Kind damals das Glück erscheinen musste! … Als ich endlich vorrückte zur Möglichkeit, Teilhaber des Glücks zu sein, waren alle Glücklichen, die das Glücklichsein in der Werbung ausstellten, dreißig Jahre jünger.“ (Seite 9/10)
„Die ganze Kindheit ist eine Ausbildung zum perfekten Kindsein, am Ende der Kindheit wird man aus dieser Ausbildung entlassen und soll, als ausgebildetes Kind, kein Kind mehr sein. Das ist, als würde man nach Jahren des Fußballtrainings die Lizenz zum Bobfahren bekommen.“ (Seite 24)
„Ich misstraue allen Menschen, bei denen man sich nicht mehr vorstellen kann, dass sie einst Kinder gewesen sind.“ (Seite 24)
„Ich wollte lieber der sein, der auf einem Geldschein abgebildet ist, als der, dem die Taschen vom Geld überquellen.“ (Seite 26)
„Die Reportage ist eine Kamerafahrt mit der Sprache. Geh nah dran und mach einen Schwenk. … Geh nah dran, stell scharf und mach einen Schwenk! Und vergiss nicht: Worüber du auch immer schreibst – es ist nicht das Paradies. Wer das Paradies findet, schreibt keine Reportage mehr. Es muss also immer ein bisschen traurig sein. Auch wenn das, was du siehst, komisch ist. Das ist das ganze Geheimnis einer Reportage.“ (Seite 106)
„Ich liebte sie. Es ist keine Kunst, das Liebenswerte an einem Menschen zu lieben. Das Liebenswerte zu lieben ist nicht Liebe, sondern Huldigung. Wenn aber einer, der immer die Zahnpastatube verschließt, einen sentimentalen Blick auf die vorne eingedrückte und nicht zugeschraubte Zahnpastatube im Badezimmer wirft, dann liebt er den Menschen, der mit geputzten Zähnen im Bett liegt. Dies zeigt allerdings auch, dass Liebe nichts mit Sex zu tun hat, mit Gier – wer putzt sich bei Sturm noch die Zähne?“ (Seite 167/168)
(26.10.2007)

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    Nach einigen Seiten kam aber ein Rückschlag. Ist es wieder so ein Vergangenheitsbewältigungsbuch eines Dichters wie Gerhard Roth mit seinem „Das Alphabet der Zeit“ oder Glavinic´s „Das bin doch ich“. Menasse fällt in denselben Trend, nur er bekennt es, indem er als „Zwischenfigur“ eine Psychotherapeutin einbaut, der er alles erzählt. 
    Positiv wurde ich erst wieder gestimmt, als die persönliche Vergangenheit des Dichters sich mit meinen Vergangenheitserlebnissen kreuzen. Das interessierte mich dann wieder. Was aber tut ein Leser, der eine andere Vergangenheit hat? Ihm geht es dann mit dem vorliegenden Buch so, wie mir mit den oben zitierten Büchern von Roth und Glavinic. Man müsste eigentlich vom Dichter Geld bekommen, wenn man es liest. Man wird als Leser zum Psychotherapeuten. So wie mir beim Roth Buch die Verwandten leid getan haben, wie sie in die Öffentlichkeit gezerrt wurden, taten mir die Frauen leid, mit denen Menasse anscheinend ein Verhältnis gehabt hat und dieses nun öffentlich beschreibt.
    Nun einige Eselsohren-Passagen:
    „Als ich jung war, war das Glück alt. In der Werbung gab es nur Alte. Alle möglichen Formen des Glücks wurden von graumelierten oder weißhaarigen Männern in der Reife ihrer Jahre beglaubigt, saubere Wäsche, aromatische Kaffees, heiterer Alkoholismus – „Das ist einen Asbach Uralt wert!“, sagte im Fernsehen der Schnaps trinkende Opa, der so vorbildlich glücklich war. Wie weit entfernt mir als Kind damals das Glück erscheinen musste! … Als ich endlich vorrückte zur Möglichkeit, Teilhaber des Glücks zu sein, waren alle Glücklichen, die das Glücklichsein in der Werbung ausstellten, dreißig Jahre jünger.“ (Seite 9/10)
    „Die ganze Kindheit ist eine Ausbildung zum perfekten Kindsein, am Ende der Kindheit wird man aus dieser Ausbildung entlassen und soll, als ausgebildetes Kind, kein Kind mehr sein. Das ist, als würde man nach Jahren des Fußballtrainings die Lizenz zum Bobfahren bekommen.“ (Seite 24)
    „Ich misstraue allen Menschen, bei denen man sich nicht mehr vorstellen kann, dass sie einst Kinder gewesen sind.“ (Seite 24)
    „Ich wollte lieber der sein, der auf einem Geldschein abgebildet ist, als der, dem die Taschen vom Geld überquellen.“ (Seite 26)
    „Die Reportage ist eine Kamerafahrt mit der Sprache. Geh nah dran und mach einen Schwenk. … Geh nah dran, stell scharf und mach einen Schwenk! Und vergiss nicht: Worüber du auch immer schreibst – es ist nicht das Paradies. Wer das Paradies findet, schreibt keine Reportage mehr. Es muss also immer ein bisschen traurig sein. Auch wenn das, was du siehst, komisch ist. Das ist das ganze Geheimnis einer Reportage.“ (Seite 106)
    „Ich liebte sie. Es ist keine Kunst, das Liebenswerte an einem Menschen zu lieben. Das Liebenswerte zu lieben ist nicht Liebe, sondern Huldigung. Wenn aber einer, der immer die Zahnpastatube verschließt, einen sentimentalen Blick auf die vorne eingedrückte und nicht zugeschraubte Zahnpastatube im Badezimmer wirft, dann liebt er den Menschen, der mit geputzten Zähnen im Bett liegt. Dies zeigt allerdings auch, dass Liebe nichts mit Sex zu tun hat, mit Gier – wer putzt sich bei Sturm noch die Zähne?“ (Seite 167/168)
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