Gott

Ferdinand von Schirach: Gott. 2021.

Abstract

SCHIRACH, Ferdinand von: „Gott“, München 2020
Es ist dies ein Theaterstück, in dem es um Sterbehilfe geht. Ein 78-jähriger Mann, dessen Frau verstorben war, findet keinen Sinn mehr im Leben und will dieses beenden. Er ist völlig gesund und auch psychisch OK, aber er will „in Würde“ aus dem Leben scheiden. Dazu fragte er seine Ärztin, ihm das Medikament zur Vergiftung zu verschreiben.
Das Stück spielt in einer Sitzung der Ethikkommission, in der der Präsident der Ärztekammer, ein Bischof, die den Mann behandelnde Augenärztin, ein Rechtssachverständiger und der Rechtsanwalt von Herrn Gärtner – so heißt der sterben Wollende - auftreten. Der Ort der Handlung ist der Saal der Akademie der Wissenschaften in Berlin.
Der Autor, Herr Schirach, hat in diesem zweiaktigen Stück alle Ansichten sehr gut dargestellt und keiner ein Übergewicht gegeben.
Der Ethikrat will dieses Thema thematisieren und zu einer öffentlichen Diskussion führen. Deswegen die vorhin aufgezählte Zusammensetzung der Teilnehmer.
Das deutsche Strafgesetzbuch aus dem Jahr 1872 verbietet eine derartige Hilfe nicht und „was das Gesetz nicht verbietet, ist erlaubt.“ (Seite 29) Die Situation verschärft sich aber, wenn ein junger Mensch, der Liebeskummer hat sich töten will. Gedacht wird auch der 300.000 körperlich oder geistig behinderten Menschen, die während des Naziregimes ermordet wurden. Die gesetzliche Freigabe der Beihilfe zur Tötung könnte, aus der Sicht der Gegner, wieder zu solchen Auswüchsen führen. Auch religiöse Gründe können nicht ins Treffen geführt werden. Es gibt zwar die Freiheit zum Glauben und zur Religionsausübung, aber „Gott ist keine Person, keine Institution, keine Firma bürgerlichen Rechts oder etwas Ähnliches. Gesetze können ihn weder verpflichten noch ihm Rechte zusprechen.“ (Seite 41) Obwohl viele westliche Staaten ihre Werte auf christlichem Denken aufbauen. Diese sind aber nur eine Präambel und drücken Demut aus.
Sterbehilfe gibt es in der Schweiz, den Niederlanden, Schweden, Belgien, Luxemburg, Kanada und verschiedenen US-Bundesstaaten. In Deutschland hat das Bundesverfassungsgesetz 2020 Suizidhilfe grundsätzlich erlaubt.
Der medizinische Sachverständige beruft sich auf den Hippokrates Eid der Ärzte, der sich grundsätzlich nur auf Heilung der Patienten bezieht und eine Tötung verbietet. Die Argumente des Mediziners beeindrucken den Rechtsanwalt nicht, denn auch bei der Einführung der Antibabypille gab es ärztliche Proteste.
Auch der Bischof lehnt die Tötung ab und bezieht sich auf die 2500 Jahre lange „Übereinkunft, solche Akte der Gewalt, die das eigene Leben beenden, abzulehnen.“ (Seite 74) Er sieht in diesem Gesetz einen Druck, der auf alte Menschen ausgeübt wird, sich umzubringen, weil sie eine Belastung für die Gesellschaft oder die eigene Familie sind. „Ich will nur niemandem zur Last fallen.“ (Seite 78) Obwohl es einer harten Diskussion zwischen dem Theologen und dem Rechtsanwalt kommt, bleiben die Argumente doch stehen.
Alle Experten dieses fiktiven Stücks kommen mit ihren Argumenten voll zur Geltung. Kein Standpunkt wird bevorzugt vorgestellt. Das Stück ist demnach eine neutrale Abhandlung des Problems, in dem jeder seine eigene Meinung finden muss.
Im Publikum kommt es nach einer Pause auch zu einer Abstimmung. Jeder deklariert sich ob dieses Gesetz exekutiert werden soll oder nicht.
Im zweiten Akt kommt das Schlussplädoyer, ohne einem Abstimmungsergebnis, ob diese Selbsttötung erlaubt werden soll oder nicht. Die Vorsitzende lässt auch hier alles offen und spricht einerseits von der persönlichen Freiheit der westlichen Welt, zu der auch die Selbstbestimmung über das eigene Leben gehört und andererseits sei es kein gesellschaftlicher Fortschritt, sondern eine Perversion.
Es geht um die zentrale Frage „Wem gehört unser Leben?“ Niemand könne diese Frage beantworten. „Wir können nie letztgültig wissen, was richtig und was falsch ist, absolute Urteile über die Welt gibt es nicht.“ (Seite 117) So muss sich auch der Leser selbst eine Antwort geben. Der Autor des Stücks bietet nur die Argumente.

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    Das deutsche Strafgesetzbuch aus dem Jahr 1872 verbietet eine derartige Hilfe nicht und „was das Gesetz nicht verbietet, ist erlaubt.“ (Seite 29) Die Situation verschärft sich aber, wenn ein junger Mensch, der Liebeskummer hat sich töten will. Gedacht wird auch der 300.000 körperlich oder geistig behinderten Menschen, die während des Naziregimes ermordet wurden. Die gesetzliche Freigabe der Beihilfe zur Tötung könnte, aus der Sicht der Gegner, wieder zu solchen Auswüchsen führen. Auch religiöse Gründe können nicht ins Treffen geführt werden. Es gibt zwar die Freiheit zum Glauben und zur Religionsausübung, aber „Gott ist keine Person, keine Institution, keine Firma bürgerlichen Rechts oder etwas Ähnliches. Gesetze können ihn weder verpflichten noch ihm Rechte zusprechen.“ (Seite 41) Obwohl viele westliche Staaten ihre Werte auf christlichem Denken aufbauen. Diese sind aber nur eine Präambel und drücken Demut aus. 
    Sterbehilfe gibt es in der Schweiz, den Niederlanden, Schweden, Belgien, Luxemburg, Kanada und verschiedenen US-Bundesstaaten. In Deutschland hat das Bundesverfassungsgesetz 2020 Suizidhilfe grundsätzlich erlaubt.
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    Im Publikum kommt es nach einer Pause auch zu einer Abstimmung. Jeder deklariert sich ob dieses Gesetz exekutiert werden soll oder nicht.
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